Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
225
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LessingS Briefe. 1769.

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Folglich ist die höhere Malcrey die/ welche nichts als natürliche Zei-chen im Raume brauchet, und die höhere Poesie die, welche nichtsals natürliche Zeichen in der Zeit brauchet. Folglich kann auch wederdie historische noch die allegorische Mnlerev zur höhern Malcrey gehö-ren, als welche nur durch die dazu kommenden willkührlichen Zeichenverständlich werden können. Ich nenne aber willkührliche Zeichen inder Malercy nicht allein alles, was zum Costume gehört, sondern aucheinen großen Theil des körperlichen Ausdrucks selbst. Zwar sind dieseDinge eigentlich nicht in der Malercy willkührlich; ihre Zeichen sindin der Malcrey auch natürliche Zeichen: aber eS sind doch natürlicheZeichen von ivillrührlichen Dingen, welche unmöglich eben das all-gemeine Verständniß, eben die geschwinde und schnelle Wirkung habenkönnen, als natürliche Zeichen von natürlichen Dingen. Wenn aberbct' diesen Schönheit da» höchste Gesetz ist, und mein Recensent selbstzugicbt (S- 35.?.), daß der Maler alsdann auch in der That ammeisten Maler sey: so sind wir ja einig, und, wie gesagt, sein Ein-wurf trifft mich nicht. Denn alles was ich noch von der Malercy ge-sagt habe, betrifft nur die Malcrey nach ihrer höchsten und eigenthüm-lichsten Wirkung. Ich habe nie gcläugnet, daß sie auch, außer dieser,noch Wirkungen genug haben könne; ich habe nur läugnen wollen,daß ihr alsdann der Name Malerey weniger zukomme. Ich habe niean den Wirkungen der historischen und allegorischen Malercy gezwei-felt, noch weniger habe ich diese Gattungen aus der Welt verbannenwollen; ich habe nur gesagt, daß in diesen der Maler weniger Malerist, als in Stücken, wo die Schönheit seine einzige Absicht ist. Undgiebt mir das der Recensent nicht zu? Nun noch ein Wort von derPoesie, damit Sie nicht mißverstehen, was ich eben gesagt habe. DiePoesie muß schlechterdings ihre willkührlichen Zeichen zu natürlichenzu erheben suchen; und nur dadurch unterscheidet sie sich von derProse , und wird Poesie. Die Mittel, wodurch sie dieses thut, sindder Ton, die Worte, die Stellung der Worte, das Sylbenmaß, Figu-ren und Tropen, Gleichnisse u. s. w. Alle diese Dinge bringen diewillkührlichen Zeichen den natürlichen näher; aber sie machen sie nichtzu natürlichen Zeichen: folglich sind alle Gattungen, die sich nur die-ser Mittel bedienen, als die niedern Gattungen der Poesie zu betrach-ten; und die höchste Gattung der Poesie ist die, welche die willkührli-chen Zeichen gänzlich zu natürlichen Zeichen macht. Das ist aber diedramatische; denn in dieser hören die Worte auf willkührliche Zeichenzu seyn, und werden natürliche Zeichen willkührlichcr Dinge. Daßdie dramatische Poesie die höchste, ja die einzige Poesie ist, hat schonLessingS Werke xii. 15