Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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271
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Lcssingö Briefe. 1770.

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zwar selten, wie ich in der Feit lebe: aber eben dadurch wird meinDatum so viel zuvcrläfiigcr, weil ich jedesmal erst in den Kalendersehen muß. Ich will nicht hoffen, daß Sie so schlimm sind, undglauben, ich könnte mich wohl mit Fleiß geirrt haben? Ich hatte dieTage fleißig gezahlt, nach welchen ich eine Antwort von Ihnen erhal-ten könnte. Da diese aber so lange über die Zeit ausblieb, so ficngich an zu vermuthen, daß Sie wohl schon gar von Wien wieder ab-gereiset wären. Und blos diese Vermuthung ist Schuld, daß ich keineneue Bricfc nachgeschickt. Ich erschrecke, wenn ich bedenke, was Siefür cincn Rückweg in dieser Jahreszeit zn machen haben: und nochwollen Sie ihn gar mit einem Umwege machen! Doch dieser Umwegdürfte bey alle dem recht gut seyn, und ich verspreche mir davon fürIhre Zufriedenheit und Heiterkeit recht viel. Die uns am nächsten an-gehen, behalten doch immer den meisten Einfluß auf uns.

Auch das, meine liebe Freundinn, lobe ich recht sehr, daß Siein Wien fleißiger in die Kirche gehen, als in das Theater. Dennich glaube in allein Ernste, daß cS freylich für jeden guten Menschen,der nicht ganz undenkend ist, in den Wiener Kirchen mehr zu lachengeben muß, als in dem Wiener Theater. Gott verzeihe mir dieSünde, wenn es nicht wahr ist, und wenn ich Unrecht thue, daß ichmir die Oesterreichschen Prediger noch elender vorstelle, als die Oester«reichschen Poeten und Komödianten.

Als ich Ihren vorletzten Brief erhielt, hatte ich eben in der Er-furter gelehrten Zeitung, welche die Posaune des Herrn von S. ist,eine sehr prächtige Ankündigung gelesen, was man sich unter seinerAufsicht nunmehr alles für Wunder von dem Wiener Theater zu ver-sprechen habe. Ich weiß nicht, ob ich mehr lachte, oder mich mehrärgerte, als ich aus Ihrem Briefe ersähe, daß seine Aufsicht so ge-schwind ihre Endschaft erreicht habe. Doch will ich hoffen, daß erdarum seine Hand nicht ganz abziehen wird. Dem Stücke, welchesihm diese kleine Kränkung verursacht hat, bin ich selbst nicht gut.Ich würde eS kaum auf einem deutschen Theater dulden, wenn Roxe-lane auch eine Deutsche wäre: nun aber gar in der vermeinten Haupt-stadt von Deutschland denn dafür will S. Wien mit aller Gewaltgehalten wissen, den Triumph einer Französischen Stumpfnasc aufdie Bühne zu bringen, ist schlechterdings unerträglich. Ich will auchhoffen, daß es mehr dieser Umstand, als das Schnupftuch oder Spie-gel ist, welcher die Dame oder die Damen in Wien bewogen hat, dasStück verbieten zu lassen. An dem neuen Stücke, die Hausplagc,so gut es sonst seyn mag, finde ich den Titel sehr zu tadeln. Als