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Lessings Briefe. 1770.
Ich verlasse mich darauf, liebster Freund, daß Sie sich dieserAnfoderung auf keine Weise entziehen. Die Zeit, die Sie darüber ver-lieren, will ich Ihnen auf eine andere Art wieder einbringen: z. E.durch Beyträge zu dem zweyten Theil Ihrer gcsammten Sinngedichte,die gewiß nicht schlecht sind, und sich zum Theil von Dichter» hcr-schreiben, die itzt völlig unbekannt sind.
erfreuen Sie mich indeß bald wieder mit einem Briefe, und le-ben Sie recht wohl.
Ihr
ganz ergebenster,Lessing.
Wolfeiibüttel, d. 1k. Decembr. 1770.
Das wissen Sie ja wohl, mein lieber Schmid, daß Sie mir al-lezeit ein Vergnügen machen, wenn Sie mir Gelegenheit geben, etwasin der Bibliothek nachzusuchen; und immer ein um so viel größeresVergnügen, wenn es etwas betrift, woran ich sonst auch nicht imTraume gedacht hatte. Ihre llebersetznng des Tussignano ist gar keineThorheit, so bald etwas Gutes darum steht, was sonst nicht überallzu finden. Die Bibliothek aber hat von diesem seinem Tractate vonder Pest keine einzelne besondere Ausgabe, und ich kann ihn nirgendsals in dem Zascikul des KelhamS finden, und auch von diesem istweiter keine Ausgabe da, als die von 1495. zu Venedig. Wenn Siediese nutzen zu können glauben, so will ich sie Ihnen gern herüberschicke». Sonst hätte es sich leicht treffen können, daß ich Ihnen an-statt eines gedruckten <?rc»ivlars, ein geschriebenes geschickt hätte. Dennes fehlt uns gar nicht an Manuscriplen von Ihrem Magister Petrusde Tussigniano, wie sein Name in denselben geschrieben wird. Be-sonders haben wir eine I'i'aotiea von ihm, die aber wenig mehr, alseine Sammlung von Recepten ist. Vermuthen Sie indeß, daß unterdiesen Recepten auch vielleicht das sich finden könnte, was er fürdie Pest verordnet: so will ich Ihnen auch dieses Manuscript her-über schicken.
Ob wir uns in diesem Leben nicht mehr wiedersehen? Doch, eswäre denn, daß ich oder Sie noch vor den WcynachtSfcyertagen stür-ben. Leben Sie bis dahin wohl.