Lcssings Briefe. 1770.
277
An Rciske.
Wolfenbültel, d. 17. December 1770.
Es hat einige Schwierigkeiten gehabt, ehe ich die Handschrift desAeschineS aus der Universitätsbibliothek zu Helmstädl bekommen kön-nen. Endlich ist sie in meinen Händen, und ich will eilen, damit sieunverzüglich in dessen Hände komme, der sie am besten nutzen kann.Ich habe zwar versprechen müssen, sie nicht außer Landes zu schicken,doch nach aller genommenen Vorsicht in Uebermachung derselben, willich einmahl annehmen, daß Gelehrte, die einander dienen wollen, allein einem Lande leben. Auch habe ich versprechen müssen, sie ioner-halb sechs Wochen wieder einzuliefern, und ich zweifle nicht, daßEuer Wohlgebohrnen sie nicht in dieser Zeit sollten abfertigen können.
Ob es sich überhaupt mit ihr groß der Mühe verlohnen dürfte,werden Dieselben bald sehen. Sie ist ein wenig gar zu neu; dennsie ist nicht älter als aus der Mitte des IZten Jahrhunderts, als umwelche Feil ihr Schreiber, der sich in der Schlußnote selbst nennt,<Zoorgiu8 Clli-^loeooca, gelebt hat, wie ich bey dem Montfauconfinde (palltt-ox. xr. lib. I. o. 8. p. 9ö.) wo zwey andere Handschrif-ten von ihm angeführt werden. Auch der ^o.iiines ^urispa, für denChrysococca nach eben dieser Schlußnote, das Werk geschrieben, istnicht unbekannt; und wir haben von ihm unter unsern Manuskripteneinen Marlial, den sein Freund ^»tonius ?anormila von ihm ge-schenkt bekommen. Sobald Euer Wohlgebohrnen mit den griechischenRednern fertig sind, und sich über den Libanius machen wollen, sollauf den ersten Wink die Handschrift, die sich hier unter den Manu-skripten des GudiuS, von seinen Reden und Declamationen befindet,zu Dero Diensten seyn. Noch findet sich auch unter den nehmlichenManuskripten ein Band von Briefen des LibaniuS: ich glaube aber,daß Wolf denselben bereits genutzt hat.
Uebcrhaupt können Euer Wohlgebohrnen darauf rechnen, daß Ih-nen schlechterdings nichts vorenthalten seyn soll, was Sie zu eineroder der andern Arbeit aus dem hiesigen Lorrathe an Büchern undHandschriften brauchen können und wollen. Wie sehr wünschte ich,daß Sie selbst einmahl im Sommer eine kleine Exkursion anher ma-chen, und sich selbst einige Tage unter den letzten: umsehen wollten.Wir besitzen auch verschiedene Arabische Handschriften, von welchen ichaus den ^aknlogis nicht sehen kann, was sie enthalten, und von wemkönnte ich das sonst erfahren, als von Ihnen?