LessingS Briefe. 1771.
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lieber bey der Corrcctur das Manuscript vorlesen zu lassen; wenigstensbey der zweyten. Denn freylich, alle die Fehler, wo ein Wort fürdas andre gesetzt worden, find sehr bald zn übersehen, wenn sich nureinigermaßen noch ein Sinn dabey denken laßt.
Herr Moses hat mir seine neue Ausgabe der philosophischenSchriften geschickt, und mir dadurch sehr viel Vergnügen gemacht. —Aber um so mehr betrübte wich sein Brief. Ich will hoffen, daß essich seit der Zeit schon mit ihm wieder gebessert hat. Versichere ihn,daß ich seinetwegen recht sehr unruhig bin. Aber was ist denn daswieder für ein neuer Anfall von Lavater ? Was sind denn das fürJuden, die, auf Veranlassung seiner Streitigkeiten mit ihm, Christensollen geworden seyn? Ich werde ihm nächstens selbst schreiben, wennich weiß, daß er sich besser befindet.
Auch schreibe ich mit der nächsten Post an Herrn Ramlcr, denich nnn für meine Lieder um eben den Freundschaftsdienst bitten muß,den er mir bey den Sinngedichten erwiesen. Bereite ihn immer vor-läufig darauf. Ich bin cS allenfalls zufrieden, daß von den Liedernüberhaupt nicht mehr wieder gedruckt werden, als er für seine Liederder Deutschen darunter ausgesucht hatte.
Dein Urtheil über den neuen AmadiS ist sehr das mcinige. In-zwischen ist das Schlechteste darin doch unendlich besser, als das Bestein der Inoculation der Liebe. Die Uebersetzungcn aus dem Homerund Sophokles in Klotzens Bibliothek habe ich noch nicht gelesen.
Die Nachricht von Koch, daß er nach Berlin gehen werde, habeich der Herzogin von Weimar gesagt, die sie aber nicht glauben will.Sie versicherte, daß er sich anheischig gemacht, diesen Sommer wiedernach Weimar zu kommen.
Ist denn Döbbclin wieder in Berlin ? ES liegt jetzt eine Aktrice,Madame Mccour, hier müßig, die von Ackermann abgegangen ist,und mit der er seine Truppe sehr verbessern konnte. Melde ihm dochdaS; entweder mündlich oder schriftlich, wenn Tu weißt, wo er sichaufhält. Die Frau ist sehr gut, und ich wünschte sehr, daß sie inDeutschland bliebe, da sie sonst nach Rußland zu gehen gesonnen ist.
Lebe wohl und schreibe mir bald wieder.
Dein
treuer Bruder,Gotlhold.