LessiugS Briefe. 1772.
erhalten. — Wenn ich nicht längst wüßte, wie ein gar zu warmerFreund Sie sind: so kbnntc mich dieser Ihr Brief bereden / etwasbesonders gemacht zu haben. Aber heute, da Sie hoffentlich kältersind, würde er schon ganz anders lauten. Und noch mehr dürsten Siedavon zurück nehmen, wenn Sie das Stück nunmehr gedruckt lesen.Hier ist eS. Sie werden dald finden, wie manches der Schauspielerhineingelegt, und wie vieles Sie selbst hinzugedacht, was Ihre Illu-sion beförderte.
Das zweyte Exemplar haben Sie die Güte, des Erbprinzen Durchl.zu überreichen. Ich unterstehe mich nicht, ihm ei» paar Worte dazuzu schreiben. Wie angenehm mir sein geringster Beyfall sevn würde,versteht sich von selbst, dazu würde ich mich gegen ihn wegen einerArbeit entschuldigen müssen, die jetzt meine Arbeit nicht seyn sollte:und ich entschuldige mich so ungern! Gelegentlich werden Sie ihmwohl sagen, daß cS wirklich eine Arbeit ist, die schon vor einigenJahren größtcntheilS gethan war, und an die ich nur letzt die letzteHand gelegt.
Auch heute kann und mag ich daS Stück noch nicht spielen sehen.Kann nicht, weil ich krank bin. Mag nicht, weil mir der Kopf da-von noch warm ist, und cS mir erst wieder fremd werden muß, wennmir das Sehen etwas nützen soll. Leben Sie recht wohl.
Dero
Wolfenbüttel, ergebenster Freund
An Glcim.
Wolfenbüttel , d. 22. März 1772.
Liebster Freund,
Sie haben mir mit Ihren Liedern für'S Volk eine wahre undgroße Freude gemacht. —
Man hat oft gesagt, wie gut und nothwendig cS sey, daß sichder Dichter zu dem Volke herablasse. Auch hat cS hier und da einDichter zu thun versucht. Aber noch keinem ist cS eingefallen, eS aufdie Art zu thun, wie Sie es gethan haben: und doch denke ich, daßdiese Ihre Art die vorzüglichste, wo nicht die einzig wahre ist.
Sich zum Volke herablassen, hat man geglaubt, heiße: gewisseWahrheiten (und meistens Wahrheiten der Religion) so leicht und