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L-ssings Briefe. 1773.
Tagen der vrbprinz nnvermuthct nach Potsdam verreisen müsse», nndindeß die Betreibung der Sache stille steht: so denke ich, ist es dochbesser, daß ich Ihnen nur vorläufig etwas davon melde, als daß ichSie gänzlich ohne Briefe von mir ließe, welches Sie ohnedem schonlänger sind, als es der Inhalt Ihres Letzter» sollte verstattet haben.
Also mit wenig Worten: es ist hier vor Kurzem ein Hofrath ge.sterben, den der Herzog vornehmlich in solchen Sachen brauchte, welchedie Geschichte und die Rechte des Hauses betrafen. Der Erbprinz hatgeglaubt, daß, wenn ich wollte, eS mir nicht schwer werde» konnte,in wenig Zeit die hierzu nöthigt Kenntniß und Eeschicklichkeit zu er-langen. Er trug mir also diese Stelle, mit Bcybehaltung des Bi-bliothekariatS, an, und versicherte mich, daß er mich so dabey setzenwollte, daß ich mit möglichster Zufriedenheit mich hier finren könnte.
Aber darauf, sagte er, kömmt es sodann auch an! Sie müssenbey uns bleiben, und ihr Projekt, noch in der Welt viel herumzu-schwärmen, aufgeben. Ich weiß nicht, ob er Wind bekommen habe»mußte, was mein gegenwärtiger Plan sey. Aber Sie können sichleicht einbilden, was ich ihm antwortete. Ich nahm seinen Antragvorläufig an, ohne ihm jedoch zu verschweigen, daß ich allerdings,ohne eine bessere Aussicht, nicht mehr sehr lange allhier dürfte aus-gehalten haben. Durch diese Stelle, sagte er, bekommen Sie beyuns einen Fuß auf alles, und es wird nur auf Sie ankommen, obSie in ihrer gegenwärtigen Carriere bleiben, oder eine andere ein-schlagen wollen. Kurz, die Sache ward unter uns so weit richtig,daß sie vielleicht schon völlig zu Stande wäre, wenn, wie gesagt,seine Reise nicht so unvermuthet dazwischen gekommen wäre. t?rkömmt den 28ten dieses wieder zurück, und sodann, denke ich, kannes nicht lange mehr dauern, daß sich mein künftiges Schicksal nichtwahrscheinlicher Weise auf immer entscheiden sollte.
Ich brauche nicht hinzuzufügen, warum ich Ihnen dieses schreibe.Ich schmeichle mir vielmehr, daß Sie dieses für die vollständigsteAntwort halten werden, die ich Ihnen besonders auf die eine Stellein dem Briefe Ihres Herrn Bruders geben könnte. Desto besser,wenn Sie es sodann so einrichten können, daß Sie auch gar nichtmehr an Wien zu denken brauchen. Ich bin diese» ganzen Morgenvon Besuchen belagert, und muß schließen, wenn ich die Post nichtversäumen will. Nächstens ein MehrcreS. Ich umarme Sie tausend-mal, meine Liebe, und bin ewig
ganz der IhrigeL.