LessingS Briefe. 1773. 393
An Madame König.
Wolfenbüttel , den 3. April 1773.
Meine Liebe!
Ich möchte rasend werden! Was werden Sie von mir denken?Was müssen Sie von mir denken? Ich schrieb Ihnen vor längerals acht Wochen, daß allhier etwas für mich im Werke sey, wasmein künftiges Schicksal auf einmal bestimmen werde, und hoffentlichso bestimmen werde, wie ich es wünsche. Wie ich es aber wünsche,weiß niemand besser als Sie. Ich glaubte gewiß, daß keine acht,keine vierzehn Tage vergehen könnten, ohne daß ich Ihnen die völlige(Gewißheit von der Sache schreiben konnte. Aber diese vierzehn Tagesind viermal vergangen, und Sie haben keine Zeile von mir gesehen,lind wenn ich Ihnen nicht eher wieder schreiben wollte, als bis ichcS so kann, wie ich gerne wollte: so könnten leicht noch einmal achtWochen darüber hingehen; und wer weiß, ob ich Ihnen am Endedoch nicht schreiben müßte, daß ich betrogen worden.
Möchte ich nun nicht rasend werden! Ohne die geringste Veran-lassung von meiner Seite, laßt man mich ausdrücklich kommen, thut,wer weiß wie schön mit mir, schwiert mir das Maul voll, und her-nach thnt man gar nicht, als ob jemals von etwas die Rede gewesenwäre. Ich b!» zweymal seitdem wieder in Braunschweig gewesen,habe mich sehen lassen, und verlangt zu wissen, woran ich wäre.Aber keine oder doch so gut wie keine Antwort! Run bin ich wiederhier, und habe es verschworen, den Fnß nicht eher wieder nachBraunschweig zu setzen, bis man eben so von freyen Stücken dieSache zu Ende bringt, als man sie angefangen hat. Bringt mansie aber nicht bald zu Ende, und läßt man wich erst hier in derBibliothek und mit gewissen Arbeiten fertig werden, mit welchen ichnicht anders als in Wolfenbüttel fertig werden kann und muß, wennich nicht alle meine daselbst zugebrachte Zeit verlohren haben will:so soll mich sodan» auch nichts in der Welt hier zu halten vermögendseyn. Ich denke überall soviel wieder zu finden, als ich hier verlasse.Und wenn ich cS auch nicht wieder fände. Lieber betteln gegangenals so mit sich handeln lassen!
Darf ich Sie, meine Liebe, nun noch so viel bitten, daß SieMitleiden mit mir haben, und alle schlechte Gedanken von mir, vonsich entfernen wollen? Aber nothwendig müssen Sie deren haben,denn sonst hätten Sie mir längst mit ein paar Feilen Nachricht vonsich gegeben.