416
Lesfings Briefe. 1774.
und stumpfer ich an Geist und Sinnen diese vier Jahre, trotz allermeiner sonst erweiterten historischen Kenntniß, geworden bin: so möchteich es um alles in der Welt willen nicht noch vier Jahre thun. Aberich muß es auch nicht Ein Jahr mehr thun, wenn ich noch sonst etwasin der Welt thun will. Hier ist es aus, hier kann ich nichts mehrthun. Du wirst diese Messe auch nichts von mir lesen; denn ich habeden ganzen Winter nichts gethan, und bin sehr zufrieden, daß ich nurdaS eine große Werk von Philosophie, (oder Poltrvnneric) zu Standegebracht, — daß ich noch lebe. Gott helfe mir in diesem edlen Werkeweiter, welches wohl werth ist, daß man alle Tage darum ißt und trinkt.
Aber von etwas anderm! Daß Götz von Berlichingcn großen Bey-fall in Berlin gefunden, ist, fürchte ich, weder zur Ehre des Verfas-sers, noch zur Ehre Berlins . Meil hat ohne Zweifel den größtenTheil daran. Denn eine Stadt, die kahlen Tönen nachlauft, kannauch hübschen Kleidern nachlaufen. Wenn Ramler indeß von demStücke selbst französisch urtheilt, so geschieht ihm schon recht, daß derKönig auch seine Oden mit den Augen eines Franzosen betrachtet.Hast du Göthcns Farce wider Wielandcn gesehen?
Mir ist Basedows Vcrmächtniß für die Gewissen noch nicht zuGesichte gekommen. Ich hasse alle die Leute, welche Sekten stiftenwollen, von Grund meines Herzens. Denn nicht der Irrthum, son-dern der scktirische Irrthum, ja sogar die scktirische Wahrheit, machendas Unglück der Menschen; oder würden cS machen, wenn die Wahr-heit eine Sekte stiften wollte.
ES freuet mich, daß cS sich mit Sulzern bessert- seinetwegen, undder Arzneykunst wegen, die ihn aufgegeben hatte. Ich wünschte sehr,daß unser MoseS der Arzncykunde eben diesen Streich spielen wollte.Aber daS Unglück ist ohne Zweifel, daß sie ihn noch nicht aufgegebenhat, und er vielleicht zu viel an sich flicken läßt. Er geht doch diesenSommer wieder nach Pyrmont ? Ich wünschte es voraus zu wissen,wenn er durch Braunschweig zu gehen denkt. Denn außerdem wärecS leicht möglich, daß ich ihn nicht spräche, welches mir sehr unange-nehm seyn würde.
Erkundige Dich doch, lieber Bruder, ob ein Herr von Haak,welchem das Gut Jtz vcv Potsdam gehört, sich auf diesem seinem Guteaufhält, oder wo sonst? Und sobald Du das Gewisse davon erfahren,so melde es mir.
Lebe wohl, und schreibe mir bald wieder.
Gotthold.