Druckschrift 
12 (1840)
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Lessings Briefe, 1776-

habe ich mich mit dem Fieber geschleppt: aber doch hatte das Fiebernur wenig Schuld. Hätte ich Ihnen eine einzige kleine, eben nichtangenehme, nur nicht eben sehr unangenehme Nachricht von mir ge-ben können: so würde ich gerade während dem Fieber die beste Zeitgehabt haben, cS zu thun. Aber Ihnen, meine Beste, den Kopf nochwüster zu machen, mit Dingen, die ich selbst gerne aus meinem Kopfehätte, und an die ich doch nothwendig denken muß, wenn ich an Siedenke: wenn ich das auch in der größten Hitze deS Fiebers gekonnthätte, ich würde mich selbst verachten. Wollte ich mich noch jetzt nureinigermaßen weiter darüber erklären: so käme sicherlich auch dieserBrief nicht zu Stande; und der soll doch zu Stande kommen. Gott sey Dank, daß ich Sie also allmählig wieder auf dem Wege zur Ruheweiß. Diese drcv Jahre waren ein garstiger Traum für Siez aberwürklich, man muß selbst so gut seyn als Sie, und eben so gutenLeuten angehören als Sie: wenn das Schlimmste endlich doch nurein Traum gewesen sevn soll. Wie sehr fürchte ich, daß dieses garnicht der Fall von unsrer armen Sch- ist; denn wenn cS ihr für ihrePerson auch schon an Entschlossenheit und Sündhaftigkeit nicht fehlenmöchte: so hat sie sich doch von den Ihrigen nur sehr schlechte Hülfezu versprechen. Hülfe höchstens; aber Hülfe ohne Mitleiden. Und wasist daS für eine unerträgliche Hülfe! Noch ist sie in Hamburg , unddenkt gegen Ostern nach K. zu gehen, wo sich ihr Mann anfhält, undseiner Art nach Projccte macht, denen er nicht gewachsen ist. Indessensiebt er, wie er sich durchhilst; und er hat Gelegenheit gehabt, auchmich in nicht geringe Verlegenheiten zu verwickeln. Ob er so schlechtist, als ihn K- beschreibt, daran will ich lieber noch zweifeln. Unglückkann zu vielem bringen: und wer von ihnen Beyden ohne seinenNachtheil großmüthig hätte handeln können, daS weiß ich.

Den K- v. K- werden Sie mit seiner Frau hier finden. Er istglücklich, da seine Frau ein sehr gutes Kind ist, daS ihn herzlich liebt.Zacharick hat ein großes Hauß angelegt, und nimmt junge Russen mitihren Hofmeistern bey sich in Pension. Ich denke, daß er sich beydieser Lebensart nicht übel befinden soll: denn seine Frau versteht we-nigstens alles was dazu gehört. Um die Possen zwischen Angclino undNoverre bemühen Sie sich nur gar nicht. Die Programmes des letz-ter» zu seinen Ballctcn habe ich wohl einmal zu haben gewünscht:aber was sonst zwischen ihnen vorgefallen, geht mich gar nichts an.

Sie wollen es selbst nicht, meine Liebe, daß ich es Ihnen mitWorten viel betheuern soll, wie sehr ich mich frencn werde, Sie wie-der zu sehen. Wenn ich anders noch weiß, was sich freuen heißt!