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Der Hr. P. Michaelis hat mir einige Einwürfe gemacht. LesenSie sie doch! Er glaubt, wir konnten keine genetische Erklärung vomSchmerze geben, und die von allen Weltweisen dafür angenommeneTrennung des Stätigcn wäre eben deswegen unzureichend, weil ge-wisse Schmerzleidende mehr ausstehen als Sterbende. Ich glaube hier-inn keine Schwierigkeit zu finden. Die Nerven des Schmerzleidendensind noch reizbar, die Unvollkommenheit kann sich von Nerve zu Nervemittheile», und das Gehirn und die Seele stellt sich eine Unvollkom-menheit vor, die sich in dem Ganzen äußert. Hingegen sind alle Ner-ven, alle Fasern eines Sterbenden entkräftet; sie haben nur einensehr geringen Grad der Wirksamkeit; die Unvollkommenheit nimmt zu;aber das Gefühl, das Bewußtseyn dieser Unvollkommenheit wird im-
frühen Zugend auf talmudisch-scholastische Art disputircu, und erlangte Fer-tigkeit darin. Diese unselige Uebung vermehrt den Scharfsinn, nicht aberdas Nachdenken: ein Fehler, der vielleicht auch manche» deutschen spekulativenPhilosophiern anhängen mag, die nur auf ein ewiges leeres Argumcntirenhinweisen. Zuerst fing Moses an, sein Nachdenken zu üben, als er Mai-mottides Buch Alors nevocliim (vocior perpwxorum) studirtc. Hierdurchsah er das erste Licht seines Vcrsta»dcS. Nun fand er einst ReinbeckaBetrachtungen über die AuFsburgische Ronfession bey einem Ju-den, bey dem dieses Buch versetzt war. Er fand steh hier mit einem Malein einer ganz andern Welt; denn bis dahin hatte er nicht den geringstenBegriff von der Theologie der Christen, oder von einer Philosophie, die neuerwäre als die des Maimonidcs. Daher zog ihn der philosophische Theil vonReiiibecks Betrachtungen, z. B> die Beweise von der Existenz GottcS, mitunaufhaltsamer Gewalt an sich. Er wünschte uuu mehr von der neuen Phi-losophie zu wissen. Er sprach darüber mit Dr. Risch, einem jungen jüdischenArzte aus Prag, der in Berlin studirtc. Dieser zeigte ihm die Nothwendig-keit lateinisch zu lernen, wenn er die neuere Philosophie wolle kennen lernen.Moses war so dürftig, daß er eine ziemliche Zeitlang sparen mußte, um eineGrammatik und ein schlechtes Lerikou alt zu taufen. Da gab ihm Kisch un-gefähr ein halbes Zahr lang täglich etwa eine Viertelstunde Unterricht i»der Sprache. Moses bekam auch eine» alte» Band, worin einige Schriftendes Cicero enthalten waren, die er der Sprache wegen zu studiren suchte,aber nicht recht vcrstchcn konnte. Der Zufall führte ihm bey cincm Verkäu-fer aller Bücher eine lateinische Uebcrsetzung von Locke's Werk vom mcnsch-
Periodcn mit Flciß, um den Sinn auszudrückcn, und so viel möglich dieGallicismen zu vermeiden. Aber es ward ihm noch sehr schwer, in deutschcrSprachc selbst zu schreiben. S. 2t.?, f. steht in dieser Ucbersctzuug einSchreiben an Lessing , voll trefflicher Ideen. Auch finden sich darin hinund wieder schöne Stellen; abcr in. Ganzen ist die Schreibart ängstlich, wel-ches daher kam, daß er die Sprache noch nicht genug zu brauchen wußte.Ganz anders schrieb er schon im Jahre 1757.