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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing. 17o5.

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mer schwacher. Alle Seclenkräfte sind dem Untergange nahe, undder Sterbende weiß es kaum. Er muß den schwachen Rest der Ver-nunft noch anstrengen, um davon überzeugt zu seyn, daß seine Ner-ven ihr Amt nicht mehr verrichten wollen. Aber das gegenwärtigeGefühl seiner Unvollkommcnheit kann niemahls so heftig werden, alswenn seine Nerven in gutem Stande wären. Da ich nun bewiesen,daß die ursprüngliche Kraft unsrer Seele determinirt sey, das hef-tigste Bewußtseyn einer Verstümmelung ihrer Zernichtung vvrzuzichn,so bin ich geborgen, und der Herr Michaelis darf sich nicht schämen,die Meinung wiederum anzunehmen, die er in seiner Jugend, wie er

liehen Verstände zu(°), welches ihm große Freude machte. Dies Werk suchteer mit unbeschreiblicher Mühe zu entziffern; er schlug jedes Wort, das ernicht verstand, (und das waren die meisten) im Lexikon »ach, und schriebes auf, bis ein Paar Perioden da waren. Alsdann dachte er über den In-halt »ach. Durch Nachdenken suchte er den Verstand zu errathen, und wenner ihn gefunden zu haben glaubte, verglich er il»i wieder, so weit seineKenntniß der Sprache reichte, mit dem Wortverstande.

Immer aber wußte er noch nichts von denjenigen Philosophen und Ib-ren Lehren, die zwischen Maimonides und Locke, und nach dem letzter» eristirthatten. Durch Gumperz lernte er zuerst Lcibnitz und Wolf keimen, derenPhilosophie damals im stärksten Gange war. Die obengrdachten Zusammcn-küuftc ans dem Joachimsthalischc» Gvmnasiui», vermehrten seine Kenntnißdieser Philosophie und zugleich der lateinischen Sprache. Denn die Schülerder obern Klassen des Gymnasiums, waren in den alte» Sprache», i» derPhilosopbie nnd deren Geschichte gut unterrichtet, unter A»lr!tung des RektorsDr. Hcinius, der ein gründlicher Philolog, und nicht nur ein schulgerechtcrPhilosoph, soiidrr» auch ei» guter Kenner der Geschichte der Philosophie war.

Dr. Gumperz hatte schon früh Umgang mit Lessing , und Ich weis; nichtanders, als daß Moses durch seinen Freund Gumperz zu Ansänge des Jah-res 1754 mit Lessing bekannt ward. Der jüngere Herr Lcssing sagt im Lebenseines Bruders: die Beka»»lschaft desselben mit Moses wäre durch dasSchachspiel entstanden, vermittelst eines gewisse» Isaac, Dies habe ich niegehört. Ich zweifle auch, daß der große Schachspieler Isaac Hos; (dennder ist wohl unfehlbar gemeint) im Zahr 1764 schon i» Berlin , und mitLessmg bekannt gewesen ist. So viel ich mich erinnere, kam er später, erstim siebenjährigen Kriege, nach Berlin .

Dnrch Dr. Gumperz, der einige Zeit lang Sccrctär bcv dem Präsitcn-tc» Maupcrluis gewesen war, wurde Moses Mendelssohn auch mit diesemfranzösischen Philosophen bekannt. (S. S. 8 dcS gelehrten Briefwechsels nndBd xil, S. 31.) Nicolai.

(°) Man sehe meine kurze Nachricht von MoscS Mendelssohn in derA. d. B. I.XV. 2. S. 626.