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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing. 175K.

. Berlin , den 10. Jan. 1766.

Liebster Freund!

Es soll einst Jemand, der seinen Freund nicht hat zum Antwor-ten bringen können, den burlesken Einfall gehabt haben, ihm eineDissertation, nebst einem recht feycrlich demüthigen Sendschreiben zu-zuschicken, und wie ich glaube, soll dieser Freund, der gegen allesflehentliche Bitten taub gewesen ist, diesen Einfall nicht unbeantwortetgelassen haben. Wenn ich nun nicht ganz gewiß wüßte, daß Sieselbst dieser eigensinnige Freund gewesen sind, so hätte ich mir diesenlustigen Streich zu Nutze gemacht; ich hätte meinen Brief ungefährfolgendergestalt anfangen wollen:Ew. Hochedelgebohrnen mit meiner Uebersetzung von Rousseaus Abhandlung nebst einem Sendschreiben an Dieselben, das ich hin-zuzusetzen, die Erlaubniß u. s. w."Vielleicht hätten Sie stchs alsdenn einen Abendzeitvertreib seynlassen, mir in einigen Zeilen für die Ehre zu danken, die ich Ihnenerzeigt hätte, und sich ferner meine Freundschaft auSzubillen. Aber,wie gesagt, der Einfall ist nicht neu, und ich hoffe ganz gewiß, auchohne einen so seltsamen Knnsigrif, noch in Ihrem Leben, einen Briefvon Ihnen zu lesen.

Wenn nun dieses bald geschehen sollte, so bitte ich mir ein stren-ges Urtheil über die Uebersetzung sowohl, als über das Sendschreiben,

to eienlsl lsme. Er war von Jugend auf Lessings guter Bekannter undFreund gewesen. Er war ei» nicht ganz unfähiger aber seltsamer Kopf undein allzcilfertigcr Schreiber, ebne alles Talent, aber von einem sehr redlichenund guten Charakter. Er hielt sich in Berlin damals einige Zahrc auf, undschrieb verschiedene Wochenblätter, unter andern eins in niehrern Bänden,der Vernünftler betitelt, nebst andern Schriften. Er lebte sehr kümmer-lich, war aber immer zufrieden. Ich erinnere mich noch mit Vergnüge» sehrangenehmer Stunden mit Naumann »nd Prof. Kies dem Astronomen, (derin Tübingen starb (*), einem sehr lebhaften und witzigen Manne, auf einersehr kleinen Stube, die Lessing in einem sehr kleinem Hause, ans dem Rico.lai-Kirchhose in Berlin , damals bewohnte. Ich gehe nie vor diesem kleinenHause vorbey, ohne mich der ehemaligen glücklichen Stunden zu erinnern.Naumann ließ damal in Erfurt eine Schrift drucken, betitelt: Ueber ver-stand und Glück, welche er Lessingc» dcbicirte. Als er Lcssingcn seineSchrift brachte, rief ihm dieser zu, sobald er den Titel sah:Mensch! wiekannst du von zwey Sachen schreiben, die du nie gehabt hast!" Nicolai.

C) S. meine R. B. Xlter Theil. S. 159.