Briefe .111 Lessing, 47Z6.
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»mit. Ich kann es Ihnen nicht vergeben, daß Sie mich verrathenhaben; ich sehe mich dadurch manchen verdrüßlichen Umständen aus-gesetzt. Gesetzt, daß der Graf Brühl und Prof. Geliert verschwiege-ner wären, als Sie, warum ich sie sehr gebeten habe, so bin ichdoch dadurch selbst in Absicht auf die Bibliothek vielfältig genirt. Ichwollte ganz frey schreibe» können, und eben deswegen gänzlich unbe-kannt seyn. Ich kann nichts mehr als Sie bitten, mich nicht weiterzu verrathen. Dies ist einer der wesentlichsten Dienste, den Sie mirerzeigen können.
Herr MoseS , der mir Ihre Abwesenheit etwas erträglicher macht,würdigt mich seiner Freundschaft. Ich habe ihm die vergnügtestenStunden des vergangenen Winters und Sommers zu danken, uudbin, so oft wir auch zusammen gewesen sind, niemals von ihm ge-gangen, ohne entweder besser oder gelehrter zu werden. Er hat dieGefälligkeit für mich gehabt, ein Mitarbeiter an der Bibliothek seynzu wollen: eine Gefälligkeit, von der ich immer mehr einsehe, wienützlich sie mir und dem Publicum seyn wird. Ihre Gedanken überdas bürgerliche Trauerspiel erwarte ich mit Begierde. Ich wünschtenur, daß Sie meine Abhandlung über das Trauerspiel, die nun schonunter der Presse ist, vor dem Abdrucke hätten durchsehe» können. HerrMoseS , (der aber gewiß zu nachsehend ist) hat zwar seinen Beyfalldarüber bezeugt; aber ich selbst bin damit nicht zufrieden. Ob ichgleich ein Vierteljahr damit zugebracht habe, so habe ich doch nichtZeit gehabt, gewisse Gegenstände genug durchzudenken, und deswegendie Lehre vom bürgerlichen Trauerspiele ganz weggelassen, weil sie mirwichtig genug schien, eine besondere Abhandlung zu verdienen. Nichtshätte mir dazu erwünschter kommen können, als Ihre Anmerkungen.
Ich will Ihnen indeß einen Begriff von meinen Sätzen machen.Erstlich müssen Sie wissen, daß weil die Abhandlung hauptsächlich fürdie geschrieben ist, welche Trauerspiele zum Preise einsenden wollen,ich alle allgemeinen Sätze, worüber jedermann eins ist, voraus gesetzthabe; denn es war wir zu ekelhaft, alle hundertmal wiederholten Satzenoch einmal zu wiederholen. Ich habe nur die Lehre vom Trauerspielvon einer neuen Seite betrachten wollen, und also gedacht nichts indie Abhandlung zu bringen, als was gewissermaßen neu ist. Hauptsäch-lich habe ich den Satz zu widerlegen gesucht, den man dem Aristote-les so oft nachgesprochen hat, es sey der Zweck des Trauerspiels, dieLeidenschaften zu reinigen oder die Sitten zu bilde». Er ist, wo nichtfalsch, doch wenigstens nicht allgemein, und Schuld daran, daß vieledeutsche Trauerspiele so schlecht sind. Ich setze also den Zweck des