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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1766.

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änderung mag sey», wo sie will. Der Dichter überhaupt ahmet dieNatur nach, aber nur in so fern sie sinnlich ist; also ahmet der tra>gische Dichter die Natur nach, aber nur in so fern sie Leidenschaftenerregt. Wenn also der Dichter einen Gegenstand auf zweyerley Artvorstellen kann, wovon die eine natürlicher ist, die andere aber mehrLeidenschaften erregt, so hat die letzte den Vorzug. Z. E. Die Ver-trauten sind natürlich, aber kalt; also muß man csetoris pariliuslieber einen Monologen machen, der zwar nicht so natürlich ist, aberleidenschaftlicher seyn kann. Das Tragische in den Charakteren liegtwieder darin, daß sie heftige Leidenschaften erregen, nicht daß sie dieSitten bessern. Die tragischen Charaktere sind, ein tugendhafter Mann,welcher durch einen Fehler, den er begeht, unglücklich wird, und einBösewichl, der auch unglücklich wird, aber der durch ein falsches Sy-stem von Sittenlehre uns gewisser Maßen für sich einnimmt (ein Satzvon Hrn. MoscS). So ist Canut, ein Beyspiel eines guten Königs,aber kein tragischer Held, eben darum, weil er keinen Fehler begeht.Ulfo hingegen, seiner Gottlosigkeit ungeachtet, nimmt uns durch seinfalsches System von Ehre so ein, daß er uns auf gewisse Weise he-roisch scheinet; eben darum ist er tragisch. Der Fehler in einem Cha-rakter ist nichts BöseS, sondern eine Handlung oder Neigung, welcheeben dadurch, daß sie für den Helden unglücklich auSschlägt, ein Feh-ler wird; so ist z. E. in des Sophocles Oedipus der Fehler des Oe-dipus nicht der Mord des LajuS, welcher außer der Handlung ist, son-dern die Neugier, aus welcher die Auflösung fließt. Eben so hätteauch Schlegel CanutS Gütigkeit selbst zu dem Fehler machen können,wodurch sein Trauerspiel ein ganz anderes Ansehen bekommen habenwürde. Nehmlich die Gntigkeit CanutS, daß er dem Ulfo bey seinerVersöhnung ein Heer anzuführen giebt, müßte (wie schon die Anlagedazu da ist) die Folge haben, daß Ulfo den Canut ermordete, undCanut dem Ulfo auch noch im Sterben vergäbe :c. Was den Aus-druck betrifft, so wird voraus gesetzt, daß der Dichter edel denke; aberer muß sich auch edel, sinnlich und schön ausdrücken. Die Fehler desAusdrucks werden mit leichter Mühe an der Gottschedischen Ucber-setzung der Alzire gezeigt. Dies sind ungefähr meine Gedanken. Ichhabe sie etwas verwirrt vorgetragen, so wie die Abhandlung selbstnicht allzu ordentlich ist.

Zum zweyten Stücke der Bibl. habe ich eine kurze Geschichte derenglischen Schaubühne bis auf die Revolution unter Carl II. gemacht

*) Dieser mein Entwurf blieb ungedruckt. Lcssing ruckte ihn nachherin seine theatralische Bibliothek (Th. IV. S. 3) ein, woraus ex in Lcssings