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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1767.

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anstehe», allen diesen Uebeln entgegen zu eilen, nm seine Unschuldunbefleckt zu erhalten. Dieser innerliche Sieg, den seine göttliche Seeleüber den Körper davon trägt, entzückt uns, und setzt uns in einenAffekt, dem keine sinnliche Wollust an Annehmlichkeit beykömmt. Diebloße Bewunderung der körperlichen Gcschicklichkeit, die Sie IhremSchnbkarrcnführer noch lassen, ist ohne Affekt, ohne jenes innerlicheGefühl und Warme der Eingeweide, (wenn ich mich so ausdrückendarf) mit welcher wir die Großmulh eines Orestes und PyladeS z. E.bewundern. (Im Norbeygehn erinnere ich, daß dieses vielleicht dieeinzigen Charaktere der Alten sind, die eine wahre Bewunderung erre-gen.) Ich schweige von einer gewissen Situation in einem chinesischenTrauerspiele, die Sie selbst jederzeit zu bewundern pflegten. Ein alterMann wird auf Befehl des Tyrannen von seinem Freunde jämmerlichgeprügelt, von eben dem Freunde, dem zum Besten er ein gewissesGeheimniß nicht offenbaren will. Er siehet mit halbzornigen Blickenauf denjenigen zurück, der die Befehle des Tyrannen auf seinemRücken vollziehet. Jetzt wird er seinen Mund öffnen und durch eineinziges Wort sich von den entsetzlichen Schmerzen befreyen. Dochnein! Er erblickt seinen Freund, erinnert sich seiner Pflicht, und dergrausamen Gewalt, die seinen Freund nöthigt, sein Henker zu werden.Sein Zorn verwandelt sich in Wehmnth, er seufzet und bleibt seinerPflicht getreu. Hier ist Großmuth, hier ist Standhaftigkcit, hier istinnerlicher Kampf, und der herrlichste Sieg, den Sterbliche jemahlserfochten!

Wenn die Vernunft die Nacheifcrung billiget, die durch die Be-wunderung in uns erzeugt wird; so wollen Sie die Wirkung nichtder Bewunderung, sondern der deutlichen Erkenntniß zuschreiben. Ichhabe aber in beykommenden Blättern bewiesen, daß die intuitive Er-kenntniß die Quantität der Motive vermehren müsse, wenn der tu-gendhafte Vorsatz zur Wirklichkeit kommen soll, und nichts vermehret,meines ErachtenS, diese Quantität so sehr, als die Bewunderung.

Wenn Herr Nicolai behauptet/) die Poesie könne zur Besserungder Sitten nichts beytragen, so hat er offenbar Unrecht, und ich be-weise das Gegentheil hiervon in bcykommenden Blättern. Wenn eraber behauptet, die Besserung der Sitten könne nicht der Hauptend.zweck des Trauerspiels sey», weil die Nachahmung immer noch voll-kommen seyn kann, wen» auch die zum Grunde liegende Sittlichkeit

") Wenn aber merken Sie es sich, mein lieber Lessing , daß ich die-ses nicht behaupte. Nicolai.