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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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48
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Briefe an Lessing . 4767.

nicht völlig mit der Vernunft übereinstimmt: so glaube ich, daß ihmdie eifrigsten Verfechter der Poesie beypflichten müssen. Die ästhetischeIllusion ist wirklich im Stande, die obern Scelenkräfte auf eine Zeit-lang zum Schweigen zu bringen, wie ich solches in meinen Gedankenvon der Illusion ziemlich deutlich mache. Daß aber selbst die Fertig-keit zu bemitleiden (erlauben Sie mir dieses schweizerische Wort)nicht immer gute Wirkung thut, erhellet aus meinen Gedanken vonder sittlichen Empfindlichkeit, die ohne Hülfe der Urtheilskraft unfcrGefühl nur zärtlicher macht, und uns antreibt, sowohl wahren alsscheinbaren Gütern mit größerer Begierde nachzujagen. Ihre Gedan-ken von den körperlichen Geschicklichkciten, und von der Bewunderung,die sie erregen, gefallen mir nngemeiii, und Sie beschämen mich, wennSie über das Unvermögen, Ihre Gedanken richtig auszudrücken, kla-gen. Was kann ich Ihnen hierauf antworten, ohne Ihnen ein Ge-genkowplimcnt zu machen?

Erheben Sie nur nicht die Bewunderung der körperlichen Eeschick-lichkeiten auf Kosten der Seele! Sie irren ungemein, wenn Sieglauben, die Großmnth in bestimmten einzelnen Fällen errege blosden Wunsch, in ähnlichen Fällen großmüthig zu handeln. AuS meinenGedanken von der Herrschaft über die Neigung werden Sie er-sehen, wie zuträglich es der Tugend sey, wenn die allgemeinen ab-strakten Begriffe auf einzelne Fälle reducirt werden. Diese Reduktionkann durch die Erfahrung, durch Beyspiele oder auch durch Erdichtunggeschehen. Unsere symbolische Erkenntniß wird allemahl in eine an-schauende verwandelt, die Gewalt der Motive wird belebt, und ihreQuantität wird größer, als die Quantität der sinnlichen Lust, diesich ihnen widersetzt.

Sie sehen, ich beziehe mich sehr oft auf beykommende Blätter,und es versteht sich, daß ich vor allen Dingen Ihr Urtheil über dieGedanken, die darinn enthalten sind, erwarte. Ich habe sie ohneOrdnung und Zusammenhang, fast so wie ich sie gehabt habe, zuPapier gebracht. Sagen Sie mir, ob etwas daraus zu machen sey?

Ihre Gedanken über das 43te Hauptstück der aristotelischen Dicht-kunst, und insbesondere über die Regel, daß der Held des Trauerspielsnicht vollkommen tugendhaft seyn müsse, sind unverbesserlich. Sietragen das untrügliche Kennzeichen der Wahrheit an sich, daß manbeym Durchlescn über sich selbst böse wird, weil man sie verfehlt hat.Für das Kompliment, das Sie mir dabey machen, danke ich.

Ich komme zn Ihrer Nachschrift. Sie heißen mir das 16tc Haupt-stück der aristotelischen Dichtkunst (das 15te soll es doch wohl seyn?