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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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49
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Briefe an Lcssing. 17Z7.

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denn Sie haben das tklc gesetzt) nachlesen, darinn der Dichter einigeRegeln von der Verschönerung der Leidenschaften geben soll. Ichverstehe, wie Sie wissen, kein Griechisch. Ich muß also glauben, wasCurtius sagt. Dieser versichert, die Ausleger könnten mit dieser Stellenicht fertig werden. Wie sie Corneille und Dacicr nimmt, sagt siegerade das Gegentheil von demjenigen, was Sie darum suchen. DieCurtiussche Uebersctzung vertragt sich noch so ziemlich mit Ihrer Aus-legung. Aber wie wenig hat CurtiuS selbst die Stelle verstanden, dieer doch so gut übersetzt hat! Er sagt iu seinen Anmerkungen, Homer habe dadurch den Jachzorn des Achilles verschönert, daß er ihm an-dere löbliche Eigenschaften beygelegt hat. Ist dieses Aristoteles Mei-nung gewesen, so hat er die beste Art, die Leidenschaften durch sichselbst zu verschönern, verfehlt; von welcher ich in meinen vorigenBriefen genug geschwatzt habe. Jedoch lieber mag ihn Curtius nichtverstanden haben.

Was ich für einen Bcgrif mit dem Worte Illusion verknüpfe,werden Sie aus beykommenden Blättern ersehen. Im 14ten Haupt-stück vom Aristoteles finde ich nichts, das meinen Lehrsätzen widerspricht:die prächtigen Verzierungen gehören freylich nicht für das Trauerspiel;sie sind für die j^per und für tausend andere örgötzlichkeilen, daranunsere Seele keine» Theil hat; und wenn ich dem Worte Illusionnicht den Verstand gegeben, den es nach dem Sprachgebrauch habensollte, so streichen Sie es immer durch, und setzen ein anderes Zeichendafür hin.

Leben Sie wohl, liebster Freund! und werden Sie nichtmüde, mich zu bessern, so werden Sie auch nicht müde werden,mich zu lieben. Dieses sind Ihre eigenen Worte, und ich zweifle,ob Sie so viel dabey gedacht haben, als ich, wenn ich Sie versichere,daß ich Sie liebe.

Moses.

N- S- Zählen Sie bcykommeude Blätter mit; so habe ich im-mer noch einige Seiten voraus. Herr Moses sagt, ich müßte auchan Sie schreiben, und mit einem Einfalle anfangen Hier ist einer Die Briefe, die ich oder Herr Moses an Sie schreibe, sind sowie die Sladldckrcte, die allemahl der andere Bürgermeister auch un-terschreiben muß, wenn sie ihn gleich sonst nichts angehen. GlaubenSie aber nicht, mein liebster Lcssing, daß ich es so mache, wie dieBürgermeister, und unterschreibe, ohne gelesen zn haben. Ich macheeS vielmehr umgekehrt: ich lese alles, wenn ich auch manchmahl nicht

unterschreibe.--Was man für Geschwätze macht, wenn man

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