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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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59
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Briefe an Lesfiiig. 1757.

5!»

Streitige.

->) Da nun auch das Unglück, daseinen Andern trist, so wohl derZeit als der Quantität nach ver-schieden seyn kann, so siehet manleicht/ daß uns Worte fehle»/alle Modifikationen des Mitlei-dcns mit besondern Namen zubelegen. Es giebt eine mitleidigeFurcht, eine mitleidige Verzweif-lung, ein mitleidiges Schrecken/ja sogar einen mitleidigen Zornu. s. w. (wenn man mir diesesBeywort erlauben will); so wiees bey der Vorstellung unsrer eig-nen ttnvollkommenhcit, Traurig-keit, Furcht, Schrecken u. s. w.giebt. Das Mitleiden begreiftals das nomen gonoris alle Mo-difikationen der Unlust in sich/die wir über eines andern Unlustempfinden. Man hat sich abermit diesem allgemeinen Namenbegnügt/ und die besondre Ab-änderung dieses Affekts entwedernicht bemerkt/ oder man hat sichmit den Namen behalfen / dieder Modifikation der Unlust überunser eignes Unglück gegebenworden sind.

c) Werden Sie nicht bald um Ih-ren Aristoteles verlegen seyn?Wie unphilosophisch setzt er, wieSie uns in seinem Namen be-richten, das Mitleiden der Furchtentgegen! Das Wort -xo/Zo?,sagen Sie, erklärt Aristoteles die Unlust über ein bevorste-stehendcs Uebel/ (also Furcht)und setzt hinzu: alles dasjenige

Ausgemachte Punkte

l>) Wahr ists, die bemitleidete Per-son wird von uns geliebt. Wirnehmen also Theil an ihremSchicksale, und empfinden beyjedem Vorfalle etwas ähnlichesvon demjenigen, was sie selbstempfindet. Es wäre aber den-noch zu wünschen, daß man Er-scheinungen in unsrer Seele, dievon verschiedenen Ursachen her-rühren, verschiedentlich charakte-risirt hätte. Dieses unphiloso-phische Willkührliche in denSprachen macht den Weltweiscnam meisten zu schaffen. Ich denkeitzt schon eine halbe Stunde,nicht ohne Verdruß, auf ein all-gemeines Wort für die Unlust,die wir über unser eigen Unglückempfinden, um es dem Mitlei-den entgegen zu setzen, ü-ä tuckomuliuin trusliaejuv lulioro.