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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
65
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Triefe an Lessing , 1767.

seitdem angefangen/ sie nebst dem Original in einer verwünscht dun-keln lateinischen und in einer sehr deutlichen französischen Uebersetzungzu lesen, und ich flnde wieder, daß, um des Aristoteles Redekunst undSittenlchre an den NikomachuS zu verstehen, noch mehr nöthig ist,al» seine Dichtkunst gelesen zu haben: zu verstehen nehmlich so, wieSie sie verstehen; denn sonst verstehe ich sie auch wohl ein wenig;aber wenn ich über die Gegenstände mehr nachdenke, so stoße ich an.

HcrrMoseS hat Ihnen in den bcykoimnenden CapitulationSpuncten,wie ich glaube, bewiesen, daß die Lehre des Aristoteles von Furcht undMitleiden falsch ist. Gesetzt aber auch, sie wäre wahr, was würdesie Ihnen wider mich helfen? Sie würde allemahl nicht mehr bewei-sen, als was ich selbst zugegeben habe: daß das Trauerspiel, mit Hrn.MoseS Worten zu reden, unsere sittliche Empfindlichkeit vermeh-ren könne; oder, mit Ihren eigenen Worten (in einem vorigen Briefe)unsere Fähigkeit Mitleiden zu suhlen, erweitern könne. Siewerden finden, daß ich S. 29. dieses selbst behauptet habe. Nochmehr, ich gebe zu, daß die Vermehrung der sittlichen Empfindlichkeitein Schritt zu der Reinigung der Leidenschaften seyn könne. Aber istdenn dieser Schritt der ganze Weg? Unstreitig nicht; und wenn auchbloß durch das Vermehren der sittlichen Empfindlichkeit, die Leiden-schaften gereinigt werden könnten wie folgt denn daraus, daß dieReinigung die Absicht des Trauerspiels seyn soll? Wäre sie die Ab-sicht, so ließe der Dichter sich entschuldigen, wenn er die Abficht auchdurch andere Mittel zu erreichen suchte; und Sie wissen, daß cS Mit-tel zur Reinigung der Leidenschaften giebt, die ganz und gar nichttragisch sind. Gleichwohl ist cS gewiß, daß wenn der Dichter seineAbsicht erlangen kann, so sind die Mittel eaoloiis varilins gleichgül-tig. Weil nun viel unschickliche Folgen entstehen, wenn man dieReinigung zur Absicht des Trauerspiels machen will, so habe ich sieganz aus der Erklärung weggelassen, und mich an das gehalten, woraufder Dichter zunächst zu sehen hat, nehmlich auf die Erregung.Zu S. IS. 2l. 22. 2?.Ich habe mit Ihrer Erlaubniß die Gedanken des du BoS nichtschlechterdings angenommen; ich sage vielmehr: sein Satz könne mitgehöriger Einschränkung der Grund alles Vergnügens sevn, daswir aus den schönen Wissenschaften schöpfen; »nr scv du Z)os mitden Folgen, die er daraus gezogen, zu freygebig gewesen. Aber ichhabe den Satz auch nicht näher bestimmt; denn dazu war der Ortnicht. ES ist wahr, ich habe mich so wenig philosophisch genau aus-gedrückt, als du BoS; aber der Unterschied «st- du BoS schloß falsch,LeslmgS Werke xiil.