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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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66
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Briefe an Lcssing. 1767.

und ich denke immer noch/ ich habe richtig geschlossen. Inzwischenhat nun Herr Moses für mich bestimmt geredet. Sehen Sie nur:Herr Moses .

Das Vermögen, zu den Vollkommenheiten eine Zuneigung zu ha-ben, und Unvollkommenheitcn zu fliehen, ist eine Realität. Daherführt die Ausübung dieses Vermögens ein Vergnügen mit sich, dasaber in der Natur comparative kleiner ist, als das Mißvergnügen,das aus der Betrachtung des Gegenstandes entspringt.

Ick.

Selbst alsdann noch, wenn uns die Heftigkeit der Leidenschaftenunangenehme Empfindungen verursachet, hat die Rewegling (wasist diese Bewegung anders, als das Vermögen, Vollkommenheiten zulieben :c.?) die sie mit sich führet, noch Annehmlichkeiten für uns.Es ist die Stärke der Bewegung, die wir lieben, auch der schmerzli-chen Empfindungen ungeachtet, die wider das Angenehme der Leiden-schaft streiten, und in Kurzem obsiegen.

Der Schluß ist gleichfalls einerley.

Herr Moses .

In der Nachahmung hingegen, da der unvollkommene Gegenstandabwesend ist, muß die Lust die Oberhand gewinnen, und den geringenGrad der Unlust verdunkeln.

Ich-

Eine Leidenschaft also, welche diese Folgen nicht hinterläßt, mußgänzlich angenehm seyn. Von dieser Art sind die Nachahmungen derLeidenschaften, welche das Trauerspiel hervor bringt:c.

Noch eins. Ich habe nicht allzu genau gesagt: der Schmerz, dendas Trauerspiel erregt, sey scheinbar. Ich will zugeben, daß er nichtscheinbar, sondern wirklich sey; aber er verschwindet, so bald wirempfinden, daß der bemitleidete Gegenstand nur eine Nachahmung ist,und wird um so viel mehr gelindert, da wir das Vergnügen über dieGcschicklichkeit des Künstlers empfinden. Doch hindert diese Enttäu-schung die Rührung nicht; denn nur die obern Kräfte sind überzeugt,und die Rührung beschäftiget die untern Kräfte. Nun ist es gewiß,daß wenn die sittliche Empfindlichkeit zur wirklichen Beförderung derTugend angewendet werden soll, die obern Kräfte, insbesondere dieUrthcilSkcaft mitwirken muß. Weil aber die obern Kräfte von derExistenz des vorgestellten Gegenstandes nicht überzeugt sind; so könnensie den Ausschlag nicht geben. Die Herrschaft bleibt den untern Kräf-ten allein, und daraus entstehen Früchte der sittlichen Empfindlichkeit,das heißt schöne Gedanken, welche aber, weil die obern Kräfte nicht