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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
95
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Briefe an Lessing . 1758,

Au der Recension vom Lichtwchr belieben Sie zu ändern, wasIhnen nicht gefallt. Ich bin kein guter Beurtheilcr von Fabeln,und hätte diese Arbeit auch nicht übernommen, wenn mich nicht HerrNicolai darum ersucht hätte. Sie machen doch in diesem Stücke dieRecension von GleimS Fabeln?

Liebster Freund!

Ein guter Buchhalter ist ein seltnes Geschöpf. Er verdient diegrößte Belohnung; denn er muß Verstand, Witz und Empfindung ab-legen, und ein Klotz werden, um richtig Buch zu führen. Verdientein solches Opfer zum Besten der Finanzen nicht die größte Belohnung?

Wie ich heute auf diesen Einfall komme, fragen Sie? Sie kön-nen es wohl unmöglich errathen, daß mir des Hrn. von Kleist neueGedichte dazu Anlaß gegeben. Ich ließ sie mir des Morgens um 8Uhr kommen. Ich wollte unserm lieben Nicolai eine unvcrmuthetcFreude damit machen, und sie mit ihm durchlescn. Allein ich wardverhindert die ungestümen Leute! Was bringt Er, mein Freund?und Sie Gevattern? und Er, Geselle? Lassen Sie mich heute, ichkann nicht.Sie haben ja nicht irgend Fcvcrtage?" DaS wohleigentlich nicht, aber ich bin- krank. ES verschlägt Ihnen ja nichts.Kommen Sie morgen wied-r. Diese Leute waren gefällig, alleinmein Principal war cS nicht. Ich bekam Arbeit bis gegen Mittag.Ich las indessen unter der Arbeit hier und da ein Fleckchen, und damerkte ich cS, wie schwer es ist, Empfindung zu haben, und ein Buch-halter zu seyn. Ich fing an, in HandlungSsachcn schön zu denken,und machte in meine Bücher eine von den Schönheiten, die man voneiner Ode zu rühmen pflegt. Ach verwünschte meinen Stand, schicktedie Gedichte unserm ESguire,, der von seinen Geldern lebt,*) ha, nichtohne Neid! und ward verdrießlich. Die Idyllen sind allerliebst, und

tcn; doch trug Moses Eine Menuct davon, die er ziemlich langsam auf demKlaviere spielen lcrnic.Es ist sonderbar, sagte er lächelnd; ich kann dc»Tripcltakt spielen, abcr nicht hören!" Nicolai.

°) Dieß geht auf mich. Als mein ältester Bruder die Buchhandlungübernommen hatte, zog ich mich zurück, und lebte sehr frugal von cincmnur mäßigen Einkommen, um fleißig zu studircn. Dieses ruhige Leben währteanderthalb Jahr. Ich wohnte ganz i» der Nachbarschaft von Moscs in ei-nem Hause, das wir unser Haus zu nennen pslcglc». Es hatlcn darinnach einander Namler, Mvlius, Lcssing, und ich gewohnt; zuletzt kauslc esMoscs, und bcwohnle es bis an scin Ende. Nicolai.