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Briefe an Lessiug. 1758.
das Licd eines Lappländers recht sehr artig. So viel habe ich gelesen.Von dem Trauerspiele will ich noch nicht urtheile». Indessen verwun-dere ich mich nun gar nicht mehr, daß Sie sich so lange zu Leipzig aufhalten. Ich will nicht eher hoffen, Sie hier zu sehen, bis der Herrvon Kleist ausmarschircn wird.
Ueber Ihren Engländer verwundere ich mich gar nicht. Er scheintdie innerlichen Sinne des Hutchcson zu begünstigen. Ueberhaupt phi-losophiren die Engländer nur bis auf einen gewissen Punkt, bey wel-chem sie stehen bleiben. Sie scheinen zu stolz zu seyn, die Deutschenzu lesen, und zu bequem, selbst in das Innere der Seele zu dringen.Die Franzosen philosophircn mit dem Witze, die Engländer mit derEmpfindung, und nur die Deutschen haben kaltes Blut genug, mitdem Verstände zu philosophircn. Sie haben vermuthlich die vermisch-ten Schriften des David Hume gelesen? Ich kann seinetwegen vonmeiner allgemeinen Regel keine Ausnahme machen. Nur Locke, Klarkund etwa Shaftcsbury sind in meinen Augen wahre Wcltwcisen. DieEintheilung der Leidenschaften in selbsterhaltcndc und gesellschaftliche istzu vertheidigen. Wir ergötzen unS so wohl an den Vollkommenheitenanderer Dinge, als an unserer eignen. Es ist zwar nicht zu leugnen, daßdie Erkenntniß der erstem die letzte befördere, und vielleicht unS nuraus diesem Grunde angenehm sey, ja, ich bin deswegen mit dem Be-weise von Wolf gar nicht zufrieden, daß er den Grund unsrer Pflich-ten gegen andere blos darinn sucht, daß wir uns außer dem gesell-schaftlichen Leben nicht vollkommen machen können, denn hieraus las-sen sich die gesellschaftlichen Neigungen und der dunkle Trieb, anderemit Vergnügen vollkommner zu sehen, gar nicht erklären. Indessenhat die berührte Eintheilung ihren guten Grund, in so weit uns dieanschauende Erkenntniß einer Vollkommenheit entweder unmittelbar,oder mittelbar vollkommner macht. AuS jener entspringen die Pflich-ten gegen unS selbst, und wenn die Begierde heftig wird, die Leiden-schaften, welche, mit Ihrem Schriftsteller zu rceen, auf unsre Selbst-erhaltung abzielen. Aus dieser hingegen die Pflichten gegen Gott undunsre Ncbenmenschcn. Wird die Begierde heftiger, so entspringen dieLeidenschaften des Wohlwollens, welche nur alsdann gesellschaftlicheNeigungen genannt werden können, wenn ihr Gegenstand nicht Gott,sondern unsre Nebenmenschcn sind. Sie sind alle Quellen der Schön-heit, in so weit alle diese Vollkommenheiten sinnlich erkannt werdenkönnen. Sie sind auch alle Quellen des Erhabnen, allein mit eini-gem Unterschiede. Die Leidenschaften, welche auf unsre Erhaltung ab-zielen, scheinen nur des Erhabnen von der zwotcn Gattung (ich he«