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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
97
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Briefe an Lessing . 1768.

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ziehe mich auf meine Gedanken vom Erhabnen in dem letzten Stücke)fähig zu seyn. Man bewundert keinen Menschen/ der sich vor Schmerzund Gefahr scheuet; aber man bewundert ihn, wenn er sie zum Be-sten seiner Nebenmcnschen nicht achtet. Daher entspringt das Erhabnevon der ersten Gattung, wie ich glaube, mehrentheilS aus den gesell-schaftlichen Leidenschaften. DaS von der zwotcn Gattung hingegen fin-det bey allen Arten von Vollkommenheit Statt. Sie sehen, daß ichbeynahe daS Gegentheil von Ihrem Engländer behaupte. Vielleichtweil ich seine Gedanken nicht recht begriffen, weil mir noch unbekanntist, was er unter schön und erhaben verstehe. In diesem Falle for-dere ich meinen Zug zurück.

Warum rechnet Ihr Schriftsteller aber blos Schmerz und Ge-fahr für die Gegenstände der Selbsterhaltung? Warum nicht auchdie Unvollkommenhcitcn des Geistes, als Unwissenheit, Reue, Einför-migkeit der Beschäftigungen u. f. w.?

Ihr Plan zum CodrnS gefällt mir ungleich besser, als der gekrönte.Der Ihrige ist einfältig und zusammenhängend, und der Charakterdes Priesters ist vieler einzelnen Schönheiten fähig. Allein von welcherArt soll das Interesse in Ihrem Stücke seyn? Mitleiden erregen Sienicht; Schrecken und Furcht auch nicht sonderlich; also Bewunderung.Diese Leidenschaft aber wird nach Ihrer Anlage dadurch geschwächt,daß wir gleich beym ersten Anfange von dem festen Vorsatze dcS Co-druS, für das Vaterland zu sterben, und von der Unmöglichkeit, dasVaterland auf eine andere Art zu retten, völlig überzeugt sind. Hierist keine andere Erwartung, keine Ungewißheit, als diese: wie wirdCodrnS zu seinem Zwecke gelangen? Unsre Bewunderung hat er bereitsweg. Sie haben in einem Ihrer Briefe mehr als zu gründlich be-wiesen, daß diese Leidenschaft plötzlich entsteht, und von keiner langenDauer ist. Wir vereinigen nunmehr unsre Wünsche mit dem Helden,und sind zufrieden, daß sie zuletzt ihre Erfüllung erreichen, ohne seinSchicksal zu beklagen, oder uns sonderlich darüber zu freuen. BeymCato des.AddisonS sind wir wegen des Schicksals dcS Helden in völli-ger Ungewißheit. Er hat noch nichts gewählt: und so sehr wir mitihm die Schmach der Unterwerfung fürchten-, so wünschen wir den-noch, und seine Freunde mit uns, daß er der Nothwendigkeit nach-geben, und den Cäsar für seinen Ueberwinder erkennen möge. Wirhoffen und fürchte» immer noch, bis er uns zuletzt gleichsam zu derHöhe erhebt, von welcher er die menschlichen Dinge betrachtet. Wirwerden durch die Macht seiner erhabnen Gesinnung gezwungen, daSLeben mit ihm gering zu schätzen. Wir trauen uns aber die Stand-LessngS Werke xin, 7