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Halbcrstadt, den 22. Nov. 1758.
Ihr letztes Schreiben/ liebster Lessing, hat sich unter meinenPapieren verloren; also kann ich's nach der Schnur nicht beantworten.Es aufzusuchen/ nähme mir das Bißchen Zeit/ das die französischenFresser mir übrig lassen. Sie haben wegen des Grenadiers auf michgezürnt. Daß er bey Zorndorf verwundet ist/ daran werden Sie wohlNicht mehr zweifeln, wenn Sie werden gelesen haben, was er seinerMuse gesungen hat. Kein Mensch noch Hat'S gesehn/ als er/ und ich,und nun Sie. Sehn Sie'S geschwind doch an/ und sagen Sie dannIhrem Freunde bald, wic'S Ihnen gefällt/ und was unser lieberRamler dazu sagt. UcbrigenS aber machen Sie damit/ was Siewollen. Der Grenadier weiß gar zu wohl, daß er in guten Händenist- Sie und Herr Ramler mögen immer ausstrcichen. ES kommtmir vor, als wenn er Glovers Lconidas gelesen hätte. Ob er anseiner Wunde gestorben ist, weiß ich nicht. DaS Gedicht hab' ichohne Brief in fremdem Umschlag erhalten. Seine Muse mag ihm daSkleine Lied wohl schon gesungen haben; wo nicht, so mag eS Lessing singen: dann lebt er gewiß wieder auf.
Sie so wohl, als Herr Ramler haben mir vorgeworfen, ich hättesein SiegeSlied auf die Schlacht bey Zorndorf Ihnen nicht gewiesen.Ich weiß aber ganz gewiß von keinem. Nur zwey Strophen einesLiedes vor der Schlacht, hat er in einem Schreiben, dessen Herr vonRleist erwähnt haben mag, einstießen lassen. Hier sind sie.
Weil von den Kriegern aller WeltDu nicht bezwungen bist;
Nicht fällst, nicht weichen willst, o Held,
Der Macht nicht, nicht der List-So senden sie, o Friederich,Mordbrenner in dein Reich,
Und Henker. Bater, gegen dichIst ihnen alles gleich!Er sagte, er hätte sie bey dem Uebergange über die Oder gesungen.Lebt er noch, so soll er Ihnen einmal die Frage: wie kann sich einFriedrich überfallen lassen? beantworten.
Unserm lieben Aleist sagen Sie vom Schwancngesange seinesGrenadiers nur nichts. Lassen Sie'S besonders drucken, so möcht' ichihn selbst gern damit überraschen. Vielleicht nehmen Sie das Formatseines CissideS und Paches.
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