Druckschrift 
Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
118
Einzelbild herunterladen
 

Briefe an Lcssing. 1761.

langen erwarte? In der wüsten Einsamkeit, in welcher ich jetzt lebe,sind Ihre freundschaftlichen Briefe der einzige Umgang, nach welchemich mich sehne, und ohne welchen ich unmöglich zufrieden leben kann.Unsere Correspondenz wird nur gar zu bald, und wer weiß auf wielange? unterbrochen werden. Lassen Sie mich der kurzen Zeit genie-ßen, die uns der wütende Krieg noch gönnt. Ich weiß, daß Sie anandere Freunde öfter geschrieben haben, und ich bin eitel genug, aufdieselben eifersüchtig zu seyn.

Mein letztes Schreiben durch Hrn. Ephraim Kuh werden Siedoch wohl erhalten haben? Melden Sie mir dock, unter welcherAdresse Ihnen die Briefe am richtigsten in die Hände kommen. HerrNicolai wird Ihnen nächstens schreiben. Er verlegt itzt eine kleineSchrift, die den Titel führet: über den Tod fürs Vaterland. DerVerfasser ist der Professor Abt zn Frankfurt , der itzt nach Rintcln be-rufen worden. ES ist schade, daß der Mann nicht im Lande bleibt!Der Aufsatz hat mir so wohl gefallen, daß ich mich gewiß zn einemProfessor Mathcscos dessen nicht versehen hatte. Er gefällt mir bes-ser als Iselin.

Herr Banmgarlen ') läßt itzt seine Logik drucken. Bloch schicktmir so eben die abgedruckten Bogen. Die erste müßige Slnndc, dieich habe, soll ihnen gewidmet seyn. Ich freue mich, daß der halb«crsiorbne Mann wieder so lebhaft wird.

Das Publikum bestehet noch immer darauf, Voltaire sey der Ver-fasser des Lulä, so wenig die Anlage des Stücks auch Voltaire » ähn-lich siehet. Meine Freunde melde» mir aus Hamburg , es hätten ver-schiedcne Kaufleute von da, nach England geschrieben, und die Ur-schrift verlangt, man hätte ihnen aber geantwortet, es sey kein eng-lisches Stück unter diesem Nahmen bekannt. Ist das Stück anders vonVoltairen; so muß die Luft der republikanischen Freyheit, die er itztathmet, seine ganze Denkungsart verändert haben. Beynahe sollte ichdieses nicht für unmöglich halten, denn ich habe gestern seine Odelur In prelvnle xuerro Ae. gelesen, und ich finde sie zwar sehrwitzig, aber gewiß weit kühner und freymüthigcr, als man einemFranzosen zugetrauet hätte. Es sollte mich freuen, wenn Voltaire noch auf der Schwelle des Todes bewiese, daß ein großes (Scnic nichtalt werden kann, ohne weise zu werden. Was für ein Triumph fürdie Wissenschaften! Wenn Sie ja noch an die Briefe über die Lit-teratur denken wollen, so vergessen Sie des seichten pallisot nicht.Seine Unverschämtheit verdient von Ihrer Feder gezüchligct zu werden.

*) Alexander Golllicb Bauingarlcn zu Frankfurt an der Oder . Nicolai.