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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lesstng. 1763.

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Zeit des Verf. gethan! Nichts als die Lehre von Gott war zu seinerZeit gebildet. Seine Begriffe von der Welt, von der Seele, undseine ganze Moral sind höchst elend. Jedoch, die Zeit kann unmög-lich an dieser Unwissenheit schuld seyn; denn Plato und Aristoteles hatten schon weil geläutertere Begriffe. Vielleicht die ReligionSie wissen, was diese für Wirkungen hervorbringt, wenn sie enthu-siastisch wird. Wenn man mit dem Kopfe so lange der Sonne nach-ahmet, bis man den Schwindel bekommt, so ist er eben nicht sehr zurPhilosophie aufgelegt.

So weit liegt der Brief schon seit acht Tagen fertig, und dieZeit hat es nicht zulassen wollen, ihn eher zu endigen. Ich habeunterdessen den dritten und vierten Band von Tristram Shandy gele-sen. Er ist nicht nur ein größrer Maler als Voltaire, sondern seineFabel hat das vorzügliche Verdienst vor dem Candide voraus, daß siesittlich gut ist. Ich bin sonst kein Freund vom Burlesken, aber ichweiß auch wenig Beyspiele, wo das Burleske so unterrichtend gewesenwäre, wo die Karrikalurcn so wahr, die Sitten nebst ihrem Possier-lichen so edel Doch Sie erlassen mir es eben so wohl gern, Ihnenmeine Lektion aufzusagen.

Ich komme zu Ihrem zweyten Schreiben durch Hru. Kuh. Was?Logiken, Predigten und Entwürfe zu Schaumünzen hätte ich Ihnenschicken sollen? Meine Logik habe ich, wie Sie Ihre Alcinigt'eiteii,jemanden geschenkt, der die Schande auf sich genommen hat, sie unicrseinem Nahmen bekannt zu machen. °) Wie ich in den Schafstall hin-

*) Moses Mendelssohn lies; zmn Besten seiner Nation eine Logik inhebräischer Sprache drucken. Der hebräische Titel ist: ^'.inn (uüllvsiiauisoZo»): Sprache der Vernunft, oder Kunstwörter der Logik. Es isteigentlich ein Werk des Maimonidcs, der darin die Kunstwörter der Logiknach dem Aristoteles erklärt. Moses fand, daß die Erklärungen theils zukurz, theils durch spätere rabbinischc Erklärer waren mißverstanden, und zuganz unrichtigem Gebrauche angewendet worden. Das Ansehe», worin Mai-monidcs bey scincr Nation steht, ist sehr groß. Daher übernahm es meinscl. Freund, des Maimonidcs Erklärungen nochmals zu erklären, und, wiees seine Gewohnheit bey Abfassung hebräischer Schriften war, bey dieser Ge-legenheit mchrcrc Wahrheiten der neuern Philosophie, besonders der Wöl-fischen, mehr in Umlauf zu bringen. Diese hebräische Logik ist viermal ge-druckt. Das Manuscript der ersten Ausgabe, von welcher hier die Rede ist,schenkte Moses einem armen reisenden jüdischen Gelehrte» und Matbematiker,R Samsoil Aalir, aus Jerusalem gebürtig, damit er durch dessen Ver-kauf sich einige» Vortheil schaffen mochte. R. Samso» ließ das Werk imI. 1701 in Franksurt au der Oder in Ito drucke», und gab sich leck für