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Briefe an Lcssing. 17K3.
Ihr Projekt zur Schaumünze ist wahrer, aber so poetisch nicht.Sie wissen, was Waller dem König von England Karl II. geantwor-tet. — Die Wahrheit sitzet heutiges Tages, wie der Bettler Ulysses,vor der Thüre, und die Schlemmer werfen ihr die Knochen vor denKopf, daß ihr die Sinne vcrgehn.
Sie wollen sich des seltsamen Menschen annehmen? Mein Freund!ich verspreche Ihrer Vertheidigung wenig Glück, Er kann unmöglichüber das Spiel nachgedacht haben, sonst wäre ihm gewiß die wich-tigste Betrachtung nicht entgangen, die man über das Spiel zu wachenhat. Diese — daß man gar nicht spielen müsse. In meinen Augenhat es nicht einmahl das leidige Verdienst, die Zeit zu verkürzen. Ichspiele niemahls gerne, wenn ich zu viel, aber fast allemahl, wennich zu wenig Zeit habe. Und ich glaube, daß Ihnen so wenig alsmir die müßigen Stunden zur Last werden können. — Genug vomSpiel! Wir wollten ja vom Spinoza plaudern!
Spinoza behauptet, daß Leib und Seele verschiedene Modifikatio-nen einer und eben derselben Substanz sind. Wohl zu verstehen, daßcr mit dem Worte Substanz eine ganz andere Idee verbindet, alswir damit zu verbinden pflegen; denn ihm ist die nothwendige Sub-stanz auch die einzige. Hingegen leugnet Spinoza keincswcges, daßAusdehnung uud Denken zwey verschiedene atlriliula sind, und daßein jedes oUriliuium für sich selbst muß begriffen werden können, ohneden Begrif eines andern nlkriliuli zu involvircn. (?. 2. prop. K.)Es folgt hieraus, und mich dünkt, daß Spinoza dieses irgendwo aus-drücklich behauptet, daß sich keine Bewegung durch da§ Denken, undwiederum kein Denken durch die Bewegung begreifen lasse, sonderndie Begriffe folgen aus Begriffen, und die Bewegungen aus Bewe-gungen, doch so, daß sie Harmoniren, d. h. in der Sprache des Spi-noza, daß die Begriffe por moilum eogikakionis allezeit eben dasselbeausdrücken, was die Bewegungen per modum extenlioiiis ausdrücken.
Wenn also Spinoza gleich Leib und Seele für dieselbe Substanz,dasselbe in<llvilluuin hält, so hält er sie gleichwohl nicht für dasselbeDing, sondern wie gesagt, für ganz verschiedene ^tliüiul!,, zwischenwelchen gar wohl eine Harmonie Statt findet. Die Schwere uuddie Ausdehnung, die Geschwindigkeit und Richtung, sind gleichfallsakkriliula eben derselben Substanz, aber sie sind nicht eben dasselbe
glückliches Mißverständnis! mit dem verstorbenen W. Mcil, welcher die Zeich-nungen zu den Kehrseiten, die Namlcr und Moses und auch ich erfindenwollten, zeichnen sollte, war Ursache, daß dieses schöne Unternehmen nichtzu Stande kam. Nicolai.