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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1763.

wird vielleicht in dem Leibnitzischen System anders demonstrirt, alsnach dem Spinoza . Hat aber der Satz an und für sich selbst etwabeym Spinoza eine andre Bedeutung, als beym Leibnitz ? Erklärt erdie Worte anders? Versteht er etwa unter Dinge, Begriffe undOrdnung etwas anders/ als jedermann darunter versteht? Keincswe-gcs. Der Sinn des Satzes ist vollkommen Leibnitzisch. Die Begriffefolgen nach ihrer Ordnung. Die Wirkungen und Ursachen folgen aufeinander nach ihrer Ordnung; und weil jene diese zum Objekt haben,so kommen diese Ordnungen überein. Laß es seyn, daß Spinoza dieEinheit der Substanz mit in den Beweis bringt, dieses verändert daszu Erweisende nicht. Sobald Spinoza sagt: die Bewegungen folgennach einer gewissen Ordnung aus Bewegungen, die Begriffe folgennach einer gewissen Ordnung aus Begriffen, und diese zwo Ordnun-gen Harmoniren, so läßt sich meine Sophisterey rechtfertigen.

Sie sagen:nach Spinozen stimmt die Folge und Verbindungder Begriffe in der Seele blos deswegen mit der Folge der Verän-dernngcn des Körpers überein, weil der Körper der Gegenstand derSeele ist, weil die Seele nichts, als der sich denkende Körper, undder Körper nichts, als die sich ausbreitende Seele ist." Aber Leibnitz !setzen Sie, nebst einem hinzu, und Sie wurden abgehalten, die-ses zu erklären. Ich muß Ihnen gestehen, daß mir Leibnitz vondiesen Gedanken nicht sehr entfernt scheint. Nach ihm sind die Be-griffe und Vorstellungen nichts anders, als Veränderungen der einfa-chen Dinge, so wie sie sind, und die Bewegungen nichts anders, alsVeränderungen der einfachen Dinge, ss wie sie scheinen, betrachtet.Die nehmlichen Modifikationen der einfachen Dinge machen, als Rea-litäten betrachtet, das Denken, als Phänomcna hingegen betrachtet,Ausdehnung und Bewegung aus. Da nun die Seele sich die Welt,(alle Veränderungen, die in den einfachen Dingen vorgehen,) nachder Lage ihres Körpers in demselben vorstellet, (das heißt beym Spi-noza, da der Körper das Objekt der Seele ist, und da der Körperselbst nichts anders ist, als der Inbegriff der Veränderungen, die ingewissen einfachen Dingen vorgehen, und die ich als Erscheinungenwahrnehme;) so muß freylich die Reihe der Erscheinungen mit derReihe der Realitäten, das heißt, die Bewegungen des Leibes mit denBegriffen der Seele hannoniren.

Halte» Sie mir meine confuse Schreibart zu gute, mein Freund!Ich schreibe halb schlafend, weil ich den Brief nicht gern länger daliegen lassen, und morgen nicht Zeit haben möchte.

Leben Sie wohl, mein theuerster, bester Freund! Ich bin u. f. w.