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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lesfing. 17K8.

Halbersiadt. den 28. Sept. 1768.Ich, Sie vergessen? Lessing? Wie kommen Sie j» dem Ge-danken? Den ganzen Sommer hindurch hab' ich gekämpft mit demVorsatz, Sie in Hamburg zu überfallen. Einmal, als ich schon imWagen saß, hieß es: Sie wären in Leipzig, und blieben in Leipzig ;dann wieder: Sie wären in Wien, in Rom . Wo sollt' ich Siesuchen?

Sehr große Freude machte mir gestern Abend Ihr Schreiben;gesund beynahe machte es mich. Denn leider bin ich seit vierzehnTagen an einem rheumatischen Flußfieber so krank, daß ich recht ernst-lich gedacht habe, dahin zu gehen, czuo z>iu8 ^eneas vlc. Nun isteS auf der Besserung. Run beschwör' ich Sie bey unserer Freund-schaft, Ihr Versprechen zu halten, und mit einem weitläuftigen Briefemir Freude zu machen. Die Frage: ob Sie mir noch eben so uiiver-holen schreiben dürfen, als ehemals; die kann ich ohne einen kleinenUnwillen nicht beantworten. Meine Freundschaft ist unveränderlich:Sie, mein Lieber, sollten mich von dieser Seite kennen; und meineHochachtung hat seit dem Laokcon, seit Minna von Barnhclm, seitder Dramaturgie einen größer» Zusatz erhalten. Wie oft dacht'ich nicht ohne Stolz, daß der Schöpfer dieser Geschöpfe meinFreund sey!

Herrn Rönig hab' ich so gut gerathen, als ich, krank, es konnte.Hätten Sie ihn begleitet, und mich gesund gefunden, welche Freudenalsdann für mich!

Wär' eS doch möglich, mein allerliebster Freund, diesen Herbst zurErholung Sie zu besuchen! Völlig gesund, dacht' ich, würd' ia, wer-den, wenn ich zu Ihnen, und einen Schritt weiter zn Alopsiock,dem Bergesser, eine Reise vornehmen könnte! Ich höre, Sie schreibenoft an Alopstsck. Sagen Sie ihm doch, daß ich zu keiner von denSchulen in Deutschland gehöre. ES ist ein Jammer, daß man michfür einen Bösewichl hält! Ich verstehe ihn vielleicht nicht recht. Erspricht von Schulen und Schulmeistern. ES seyen ihrer tausend, undzehntausend; nicht den kleinsten Antheil hab' ich an ihnen, mit keinemeinzigen steh' ich in Verbindung.

Wann bekomme» wir endlich Herr-manns Schlacht? wann die<vden? wann Gerstendeugs Ugolino? Sorgen Sie doch, daß ickdiesen Nektar bald erhalte; mich durstet nach ihm.

Und dann, mein Liebster, senden Sie mir doch das Titelblattlind die letzte» Stücke Ihrer Dramaturgie, an der ich mich nicht müde