Briefe an Lesstng. 17K8.
lesen kann. Woher, ihr Götter! nimmt cr die gründliche» Betrach-tungen, die Kenntniß alles Tragischen der ganjen Welt?
Gleim.
Werthester Freund!
Der Uebcrbringer dieses Briefes, Herr Eschenburg, Hofmeister anunserm Carolino, würde, selbst in Hamburg , seiner Vaterstadt, die erauf einige Tage besucht, nicht recht vergnügt seyn können, wenn ernicht das Glück haben sollte, eine Zierde derselben, den vortreflichenLesstug, dessen Umgang auch mir meinen dortigen Aufenthalt so ange-nehm gemacht hat, persönlich kennen zu lernen, und ihm seine Hoch-achtung zu bezeugen. Er ist aber zugleich bey allen seinen Verdienste»so bescheiden, daß er es nicht wagen will, diese Ehre, ohne eine Artvon Empfehlung an Sie, zu suchen; und er erweiset mir die Ehre,zu glauben, daß ein Brief von mir ihm den Zutritt bey Ihnen ver-schaffen könne; muuere oum kungi propioris oeutek amici. Ob erRecht habe, weiß ich nicht; aber ich habe es ihm nicht abschlage»dürfen, müjoi'is suxiens opprolii'ia culuae. Ich bitte Sie also, ihmein Stündchen von Ihrem Umgange zu gönnen, welches ich ihm, ausbesonderer Freundschaft gegen ihn, ganz lassen würde, wenn ich auchdas Vergnügen haben könnte, in seiner Gesellschaft bey Ihnen zu seyn.Um mich selbst aber doch nicht ganz zu vergessen, habe ich ihm aufge-tragen, Sie um die mir versprochene Tragödien zu mahnen; (Dr. Faust,um welchen ich schon lange von vielen andern, denen ich ihn in IhremNamen versprochen habe, gemahnt werde, muß nothwendig mit dar-unter seyn, wenn ich nicht Jhrcntwegcn zum Schelme werden soll.)Doch auch hicrinne denke ich nicht eigentlich an wich allein, sondernan das Publikum; und ich wollte, daß dieses Sie nicht eher ausDeutschland heraus ließe, und Sie so lange, als eine» bösen Schuld-ner, in einen Schuldthurm steckte, wo Sie Wein und Mädchen dieFülle, nur nicht Karten hätten, bis Sie alles geliefert hätten, wasman von Ihnen erwartet. — Ist denn Ihre Reise noch festgesetzt5Ich erzählte es neulich an des Erbprinzen Tafel, und man war derMeynung, daß Sie Winkclmanncn mehr als ersetzen könnten. — Wobleibt KlopstockS Schlacht Hermanns? Wo sein Messias? Wo seineLdcu? Wo alles Ucbrigel — Vielleicht bey Ihrem Laocoon, beyIhrer Arabella, Ihrem Dr. Faust, philocret:c. -c.? Da ich vonihm keine Antwort erhalten kann, so wende ich mich in meiner Nothan Sie, — von dem ich vielleicht eben so wenig Trost bekomme. —