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die dunkle Erinnerung, daß wir ein ähnliches Unglück wirklich erlit-ten, oder wenigstens befürchtet haben. Diese befördert vielmehr dieTäuschung, indem sie dem millcidigcn Gefühle mehr Leben und Nach-druck giebt. Der Zuschauer kann die innern Regungen des Herzensnicht sehen, sondern er muß sie aus äußerlichen Zeichen schließen. Jefester die Zeichen mit den Regungen durch die Association der Begriffeverknüpft sind, desto lebhafter, feuriger und anschauender wird diesympathetische Regung, die den Zeichen entspricht. Niemals aber kön-nen die Zeichen eine so lebhafte Wirkung thun, als wenn wir die be-zeichnete Sache selbst gefühlt, in unserm Innersten gefühlt haben, wennwir uns noch wohl erinnern, wie einem Menschen zu Muthe ist, derdieses oder jenes in seinem Herzen fühlt. Diese Art von Rücksicht aufunsre Person gehört also zu den sympathetischen, nicht zu den selbst-süchtigen Empfindungen. Warnm sympathisiren die Thiere nur mitdem Geschrey der Thiere, die vou ihrer Art sind? fragt Abbt in seinemVerdienst; warum fühlt der Hund mehr Unruhe, wenn er einen Hundheulen, als wenn er ein Kind weinen hört? — Ich glaube, die Ur-sache sey, weil ein jedes Thier keine andern Empfindungen anschauendkennt, als die es selbst gehabt, und die es auf eine ähnliche Weisemit seiner Art durch diese oder jene Zeichen zu äußern pflegt. DerMensch z. E. hat nur einen sehr schwachen, allgemeinen und unbe-stimmten Begriff von Schmerz, Unruhe, Leiden, n. s. w. wenn er einThier winseln hört; aber das Weinen eines Menschen erregt selbstge-fühlte, folglich anschauende Begriffe von Leiden, die ungleich wirksa-mer seyn müssen, und mit den Thieren verhält eS sich nicht anders.
Jener Schauspieler, der die Urne seines Sohnes umfaßte, um denTod des Orestes, im Namen seiner Schwester, mit mehr Eingeweidebeweinen zu können, hat die Absicht nicht gehabt, seine wahre Personan die Stelle der nachzuahmenden zu setzen, sondern den Schmerz überden Tod eines geliebten Gegenstandes anschauender und lebhafter zumachen.
Ich umarme Sie, mein lieber Freund, wünsche Ihnen eine glück-liche Reise, und bitte, mich nicht ganz zu vergessen, wo Sie auch sey»mögen. Ich bin
Ihr