Briefe cm Lessiiig. 176!>.
Mit schuldiger Dankbarkeit schicke ich Ihnen Dero .^Iclinnm wie-derum zurück, Wider den Wohlstand darf ich nicht befürchten, zuverflossen, oder Dero Erwartung zu widersprechen, wenn ich die lau-tere Wahrheit bekenne. Viel neues habe ich in Ihrem Exemplare nichtgefunden, DaS allcrnenste hatte ich schon aus andern meiner oderfremder Handschriften angezeichnet. Doch erkenne ich Dero gutenWillen und Dienstfcrtigkeit mit einem eben so lebhaften Gefühle, alswenn ich aus Ihrem Exemplare die wichtigsten Entdeckungen gemachthätte, und Überbein gibt doch desselben Beitritt dem Gewichte der an-dern gleichstimmten codicuin eine nicht unerhebliche Zulage. Meinevorgehabte Ausgabe der griechischen Oratorcn steht noch zur Zeit inder crili. Geht cS aber gleich damit etwas langsam und schwierigher, so gebe ich darum doch noch nicht allen Muth auf. Zeit undGeduld überwindet vielmals die schrecklichsten Schwierigkeiten, unddie Aussicht neiget sich doch nunmehr auf die bessere Seite. Solltealso ja mein Vorhaben noch einen glücklichen AuSgang gewinnen, sowerde nicht ermangeln, den schuldigen Dank meinem Wohlthäter öf-fentlich abzutragen,
Die Billigkeit FhreS Urtheils von meinem deutschen DcmosthcncSrühret mich, und flößet mir die trcflichc Hofnung ein, das Publikumwerde endlich einmal aufhören, sich an das tobende Geschrei meinerabgesagten Feinde zu kehren, und dagegen anfangen, mit uneingenom-mener Wahrheitsliebe das würklich rühmliche zu prüfen, zu erkennen,und zu nutzen. An meiner Hochachtung gegen so ausgemachte undso bekannte Verdienste, als die Ihrigen um die gute Literatur sind,können Sie, mein Herr, ganz nicht zweifeln, nur wünsche mir baldGelegenheit zu haben, diese Hochachtung öffentlich bezeigen zu können,der allezeit verharre
D. ReiSkc.
Liebster L-ssing!
Kaum kann ich Sie noch so nennen; so erbost bin ich noch aufSie; aber mein gutes Herz hat mich überrascht! — Niemals habe ichmir Ihre Satyre mehr gewünscht, als itzt, um sie gegen Sie selbstzu brauchen. Einem hungrigen, heißhungrigen Menschen einen leckernBissen dicht vors Maul zu halten, und indem er eben zuschnappenwill, zurückzuziehen, und ihn andern zu geben, die vielleicht satt wa-ren, und sich kaum dafür bedankten! Welche Grausamkeit! — Diese