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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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Briefe an Lessing . 1771.

sorgniß, indem Sie mir ausdrücklich sagen, daß Sie vergnügt undglücklich sind. Seit gestern, da ich Ihren Brief erhielt/ hat es michhundertmahl gereuet, daß ich von der Verlegenheit, worinncn ich ge-wesen, Erwähnung gethan; denn im Grunde war es nichts. Manwollte mir eine Gewissenssache aus etwas machen, wobey ich just ganzgewissenlos gehandelt hätte, wenn ich nachgegeben. Wie ich also beykaltem Blute nachdachte, so war wohl nichts natürlicher, als daß ichmir vorstellte: Sie würden mich verlacht, doch aber auch vielleicht be-dauert haben, wenn ich Ihnen zugleich erzählte, wie mir diese Sachevielleicht einen meiner besten Freunde kosten können. Denn Sie wis-sen wohl, daß die besten Leute oft die Eigensinnigsten sind; besonderswenn sie ins Altec kommen. Diese Besorgniß ist Gottlob nicht ein-getroffen, sondern alles ist beym Alten, und dabey soll cS auch bleiben!

Gerade den Tag vor meinem Falle habe ich den Hausvater spie-len gesehen. Dieses Stück hat mich mit der hiesigen Schaubühne aus-gesöhnt: die Mannspersonen spielen alle darinnen besonders gut, dieFrauen nur sehr mittelmäßig. Was mich am meisten freute, war: daßvon den niedrigsten Platzen, die besten Stellen mit Beyfall bemerktwurden. Vermuthlich haben Sie schon in den Zeitungen gelesen, daßdie Kaiserinn, die seit Ihres Gemahls Tod kein Spektakel besucht, imHausvater gewesen, und sehr zufrieden, sowohl mit dem Stücke alsder Vorstellung gewesen seyn soll. Wenigstens hat Sie den ActeurSund Actcicen Soo Dukaten zum Präsent geschickt, die aber noch nichtvertheilt sind, weil der, so den Auftrag davon hat, nicht schlüssigwerden kann, ob daS Französische Theater nicht auch was abhaben muß,weil den Abend auf dem Französischen Theater gespielt worden. Zu-letzt wird eS nichts als Zank und Streitigkeiten setzen. In Parcn-thesi: dieses Stück ist von vielen besucht worden, weil Ihr Name aufdem Zettel stund, und sie also Sie für den Autor hielten.

Verwichene Woche ist auf dem Theater in der Lcopoldstadt eineneue Komödie aufgeführt worden; wie mir die Schwiegerinn von S-sagt, eine Satyrc auf ihren Schwager. Anfangs war sie betitelt: dergelehrte Narr. Der Censor hat cS aber nicht passiren lassen. Nunheißt sie: Der Geschmack der Romödie ist noch nicht bestimmt.Noch habe ich sie nicht gelesen; denn ich glaube, sie wird kaum zu le-sen seyn. Indessen soll sie viel eingebracht haben, und wird noch vieleinbringen. Viele haben es nicht gewußt, obgleich der draußige Dt-rccteur allen und jeden gesagt haben soll: er führe eine Satpre auf S-auf. Den Mann muß es erstaunend kränken, daß er von seiner