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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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279
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Briefe an Lessing . 1771.

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Berlin , den Uten Februar 1771.

Liebster Bruder,

Eben da ich an Dich zu schreiben im Begriff bin, erhalte ichManuscript zu Deinen Gedichten. Ramlcr soll es noch heute bekom-men. Wenn er nicht allzuviel weglassen zu müssen glaubt, so wäredas eben genug, um den einen angefangenen gedruckten Bogen zu kom-pletten und einen neuen zu füllen. Aus den von Voß erhaltenenAushängebogen und dem beygefügten Manuscript wirst Du wohl ambesten sehn, was weggeblieben ist, und daß Du wegen ungleicher Ein-theilung der Seiten nichts besorgen darfst.

Schlich ist in Brcslau gestorben, und man wird vielleicht seinPrivilegium Kochen in Leipzig zuwenden, wenn der die Schulden,die auf dem Komödienhausc in Berlin haften, übernimmt. Döbbelinagirt hier noch immer: wie schlecht aber seine Vorstellungen seyn müs-sen, kannst Du daraus muthmaßeii/ daß ich sie die Woche kaum zwey-mal besuche, und, so wenig ich auch Kostverächter bin, nicht über einehalbe Stunde aushalte. Er könnte die Stücke oft besser besetzen; abersein L*'/ seine T*, er und seine F* verderben alles. Kannst Duwohl glauben/ daß Döbbelin in den Weißischcn Operetten spielt? Dochseine theatralische Kühnheit kennst Du; aber kannst Du Dir vorstellen,daß es hier noch Leute giebt, die ihn nicht für einen ganz abscheuli-chen Görgen oder Hänschen halten?

Er hat Deine Juden etlichemal aufgeführt. Der Christoph wurdevon Mcrschy gut gemacht! allein nichts Abgeschmackteres, als des Ba-rons Tochter ist zu erdenken. Hundertmal sagte ich zu mir: das isteben keine Großmuth, ein solches Mädchen, wenn sie auch gleich daSganze Vermögen des Barons bekäme, und um einen jüdisch oder tür-kisch werden wollte, ein- für allemal auSzuschlagen. Kurz diese Vor-stellungen waren die boshafteste Verunglimpfung, die ich auf die Ju-den gesehen habe; und wahrhastig/ wenn ihm Deine Minna so vielgeschadet/ als geholfen, so hätte er Dir keinen boshaftem Streich ver-setzen können. Den jungen Gelehrten wird er auch mit ehestem geben; undwenn seine sich darin wieder zeigt, so kannst Du Dir schon waszu gute thun, daß er Dich berühmt gemacht. Du wirst denken, ichhabe einen Groll wider ihn. Nichts weniger als das: ich glaube, erist außer dem Theater ein ehrlicher Mann; und da er in Gesellschaftkomisch genug ist, so kann ich ihn sogar manchmal leiden. In Frank-furth an der Oder ist eine Truppe Komödianten/ die Dich auf ihren