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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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287
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Briefe an Lessing . 4771.

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König der Menschheit beraubet werde»/ um unter de» wilden Thierenmeine Vernunft wieder zu suchen.

Leben Sie wohl, mein Freund, und mäßigen Sie Ihren Eiferzu lesen und zu denken, damit Sie desto länger aushalten. Ich bin

Ihr

aufrichtiger FreundMoscS Mendelssohn.

Leipzig , d. 12. April 1771.

Daß ich es mit Ueberscndung dieses Exemplars nicht habe bis zuAusgange der bevorstehenden Messe anstehen lassen, das wird Ihnendas Durchlescn des ersten Bogens begreiflich machen. Da dieser BandIhnen nunmehr eigenthümlicher, als irgend einem andern Besitzerzugehört, so war es meine Pflicht, Ihnen das erste Exemplar, dasausgegeben worden ist, zuzufcrtigcn. Für meine Freyheit hoff« ich vonDero billigen Gessnnungsart Verzeihung zu finden. Ich bin bewußt,daß ich anders nichts gethan, als was die Dankbarkeit von mir heischte,und daß ich darunter anders nichts, als die Fortdauer Ihrer Wohlgc-wogenheit gegen mich, gesucht habe. So lobenswerthe BewcgungSur-sachcn, und so unschuldige Absichten, können mein Verfahren vorIhnen, vor meinem Herzen, und vor der ganzen Welt rechtfertigen.Ganz unintcressirt bin ich freylich nicht. Ich will eS nur gestehen.Aber kann es wohl einem Gelehrten, der in alten Handschriften gerneherumwühlt, verarget werden, wenn er die Gunst eines ManneS, derzum Verwalter eines ansehnlichen Büchcrschatzcs bestellt ist, durch Be-zeugung seiner Hochachtung, zumal wenn die Hochachtung so ungchcu-chelt ist, als die meinige, sich versichert. Freylich wäre cS wohl meineSchuldigkeit gewesen, Ihnen, hochgeehrtester Herr Bibliothekar, vorhervon meinem Vorhaben einen Wink zu geben, und Sie um Dero Ein-willigung anzusprechen. Aber ich zweifelte, ob Sie dieselbe geben wür-den. Was war also übrig? Ich mußte Sie überraschen. Wenn dasnur auf eine nicht gänzlich mißfällige Weise geschehen ist! Vielleichtzürnen Sie über mich, daß ich gerade zu gestanden habe, daß EuerWohlgebohrncn mir das Hclmstädtische Manuscript zugeschickt haben.Aber wie konnte ich anders? Wie hätte ich es herumbringen müssen,wenn ich der Wahrheit nicht zu nahe treten, und dennoch den Lxoer-I>t!s I^ecUnnum die Glaubwürdigkeit verschaffen wollte? Ich mußtemeinen Währmann nennen, von dem ich die Lcctionen hatte. Wenhätte ich dazu angeben können? Wer hätte wohl die Schuld der Un-