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Briefe an Lcssing. 1771.
Mein lieber Freund!
Ich habe Ihnen keine so angenehme Nachricht zu gebe»/ als ichvon Ihnen erhalten. Denn meine Aussichten sind sehr zweydcutig;allein zu den Ihrigen kann ich Ihnen von ganzem Herzen Glückwünschen. Allerdings können Sie in W. mit 2000 Rthl. besser leben/als irgend an einem Orte. Kein ReichShofrath hat mehr denn viertausend Guldcn, und hält dafür Equipage mit zwey Bedienten.
Der Eingang wird Sie neugierig gemacht haben, ich will deswe-gen gleich meine traurige Geschichte anfangen. — Kaum waren Sieacht Tage verreist, so kriegte ich die Wiener Papiere — die im Februarschon unterwegeS gewesen, und mit der bey RcgcnSburg spolirtcn Postverloren gingen. Sogleich setzte ich mich dabey, und zog meine vor-jährige Bilanz, die ich mir eben nicht zum Besten vorgestellt hatte.Natürlicherweise beunruhigte mich dies nicht wenig. Ich schickte dieBilanz meinem Bruder — der ohnedem mein größter Crcditor ist —und schrieb ihm, er würde aus der Bilanz ersehen, daß mein Fleißnicht gesegnet sey, und wenn ich auf den Fuß fortführe, ich in Sor-gen und Kummer daS Meinige bald vollends zusetzen würde. Ichmüßte machen, daß ich von hier käme; dieses könnte aber nicht ohnenoch eine Unterstützung von lüooo Mark geschehen, wenn ich nichtmein hiesiges Lager verschleudern wollte. Ich überließ cS seiner Beur-theilung, ob er mich noch damit unterstützen könnte und wollte. Michdäuchtc aber/ daß, da auch der Herr von W. vielleicht auf seiner For-derung bestünde, und mich die Holländischen Tratten so viel kosteten,ich nicht besser thun könne, als wenn ich meinen Statum meinen Crc-ditoren vorlegte, und mir cinige Frist von ihnen ausbäte, bis ich michmit dem Wiener Werk arrangirt hätte- Ich sähe voraus, daß durchdiesen Schritt mein kleines Vermögen auf der Wage stünde, wennmeine Gläubiger indiscret waren; allein bey der Möglichkeit, durchZaudern in der Folge nicht allein mein Vermögen, sondern auch An-derer ihres aufs Spiel gesetzt zu sehn, hieße mich meine Dcnkungsartdiesen Schritt wählen. Meinen Schwager, dem ich an den Mienenansehen konnte, daß cr mich beynahe für unklug hielt, und diesenWeg gar nicht billigte, doch aber keinen andern anzugeben wußte, alsmeine Freunde zu belästigen, bat ich auch, seine Meinung meinemBruder zu überschreiben. Dies that er. Mein Bruder stimmte mirbey, doch schrieb cr: weil Herr K- ganz anders urtheile, so rielh er,einen redlichen Freund zu Rathe zu ziehen. Hierzu ward aber nichtallein ein redlicher, sondern auch ein einsichtsvoller und verschwiegner