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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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358
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Briefe a» Lesung, 1772.

Berlin , den Nen Februar 1772.

Liebster Bruder,

In Deiner Emilia Galotti herrscht ein Ton, den ich in keiner Tra-gödie, so viel ich deren gelesen, gefunden habe; ein Ton, der nicht dasTrauerspiel erniedrigt, sondern nur so hcruiiterstimmt, daß es ganznatürlich wird, und desto leichter Eingang in unsere Empfindungenerhält. Ich besinne mich wohl, daß Du in Deiner Dramaturgie ausdem Bankschen Trauerspiele Elisabeth oder Essex einige Scenen in einesolche Sprache überseht hast; aber wer diese Scenen im Originale su-chen will, (denn ich habe es gelesen) der muß seyn, was Du bist.Doch Recht! Du hast selbst erinnert, daß Banks Sprach- bald platt,bald schwülstig ist. Ich bin begierig, ob Du Dich in diesem Tonebis an das Ende erhalten wirst.

S- 41. l^Bd II, S. 137Z, in der Scene, wo die Tochter der Mutterihren Vorfall in der Kirche erzählt, hat der Abschreiber einen Fehlergemacht. Er hat die Worte: Die Furcht hat ihren besondernSinn, der Emilia in den Mund gelegt, welche sie in ihrer furchtsamenFassung nicht sagen kann; sie kommen der Claudia zu.

Aber die Wahrheit der Charaktere, die Du zeichnest, muß ich nochüber die Schönheit der Sprache setzen. Der Prinz von Guastallaist, wie unsere guten Prinzen, klug, verständig, zurückhaltend, vonheftigen Leidenschaften, verliebt oder ehrgeitzig diesen Leidenschaftenopfern sie alles auf, so menschlich sie auch sonst sind. Die Scenenzwischen Rota und dem Prinzen, inglelchem die mit dem Maler wer-den Deine Kenntniß dieser Menschen Zeile für Zeile bezeichnen. Ma-rinelli, ein wahrer feiner Kammerherr! Und die Scene, wo er demrechtschaffenen Appiani die Gcsandtcnstelle im Namen des Prinzen an-trägt wie die bey der Vorstellung gefallen wird, bin ich begierig.Meinen völligen Beyfall hat sie, aber leider! habe ich die Erfahrung,daß dasjenige, was mir außerordentlich gefallen hat, oft von dem Pu-blicum sehr kalt aufgenommen worden ist.

Nur wider die Emilia Galotti habe ich etwas auf dem Herzen.Ich sollte zwar gar nicht mit meiner Kritik herausrücken; denn ver-muthlich wird Emilia in den letzten Acten thätiger seyn, und sich alsoauch ihr Charakter deutlicher entwickeln. Aber warum soll ich Dirmeine Ratte verbergen? Noch hast Du sie nur als fromm und gehor-sam geschildert. Aber ihre Frömmigkeit macht mir sie aufrichtig!etwas verächtlich, odcr, wenn das zu viel ist, zu klein, als daß siezum Gegenstand der Lehre, des edlen Zeitvertreibs und der KcnDtiiiß