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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
362
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N2

Briefe an Lessiug. 1772.

Der Anstoß mit Ihren Augen war vielleicht wichtiger, als Sieihn nehmen, und darum hätten Sie das Aderlassen gar nicht verschieben müssen. Ich hoffe nicht, daß Sie eS am Ende ganz unterlassen haben.

Alles Uebrige bis aufs Mündliche. Ich habe so abscheuliche Kopf-schmerze»/ daß, ich mich den Augenblick zu Bette legen muß.

Leben Sie wohl! Ich bin von ganzem Herzen

Ihre

aufrichtige FreundinnE- C- Konig.

Haben Sie den confi-cirten Text von Götze noch nicht gelesen;so schicke ich ihn hier.

Berlin , den 43. Feb. 177.'.

Liebster Bruder,

Dein Brief ist mir sehr angenehm gewesen, aber die FortsetzungDeiner Tragödie noch mehr. Der Charakter der Orsina, wie mir dergefallt? Nun, außerordentlich; aber ob nicht der und jener Kriliker beydieser Gelegenheit Dinge aufwärmen wird, die Du längst vergessenhast, dafür will ich nicht stehen. Du sagst: wenn er einer guten Ac-trice in die Hände fällt, so muß er Wirkung thun? und ich will hin-zusetzen: die schlechte Actricc will ich sehen, die ihn ganz verderbenkann. Diese Damen würden oft nicht so schlecht spielen, wenn ihnennur eine bessere Sprache in den Mund gelegt wäre. Wer die Deinigenicht mit Nachdruck und Richtigkeit sprechen kann, der hat zum Thea-ter keine Anlage.

Nun ein Wort von der Vorstellung! Ich befürchte, sie wird demInnern nicht entsprechen. In welcher Tragödie ist der Ton, den Duangenommen? Unsere Paar guten Schauspieler können rasen, wüthen,toben, aber Marinelliren wahrhaftig nicht. Verzeihe mir dieses Wort,wenn Du es auch selbst nicht so verstehst, wie ich. Und haben sie vol.lends nicht recht memorirtVielleicht greifen sich hier unsere Schau-spieler aus Eifersucht gegen Döbbclin mehr an. Schicke nur bald dasEnde Deiner Tragödie; und ich will Dir ein Langes und Breites dar-über fragen, damit ich sie durch Dich unterrichten kann.

Deinen Brief, behalte ich mir vor, mit nächster Post zu beant-worten.

Herr Voß schickt Aushängebogen an Dich, und ich kann keine Ge-legenheit vorbey lassen, Dir zu schreiben; ob ich gleich mehr Zeit zu