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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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363
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Briefe au Messing. 1772. 363

allein, was ich Dir sagen möchte, zu haben wünschte, als ich heutewirklich habe.

Dein

treuer Bruder,Karl.

RattelSdorf, den 28. Febr. 1772.

Mein lieber Freund!

Von einem Dorfe, das sich RattelSdorf nennt, haben Sie wohlin Ihrem Leben nichts gehört? Auf dem sitzen wir nun beynahe vierund zwanzig Stunden, und wer weiß, ob wir nicht noch viermal vierund zwanzig Stunden hier aushalten müssen. ES kommt auf denMain an, ob der fallen will; so wie er jetzt ist, ist er nicht zu vassi-rcn, wenn man auch was wagen wollte. So viele Hindernisse, wiewir auf dieser Reise angetroffen, mit solchen Beschwerden und Gefah-ren verknüpft, habe ich in meinem Leben nicht ausgehalten. ES las-sen sich wenig Unfälle mehr denken, die uns nicht schon alle begeg-net sind. In 36 Stunden haben wir zwey neue Ax.cn und zweyStangen zerbrochen; die Pferde sind mit unS durchgegangen, und ha-ben über solche Graben und Hügel gesetzt, daß wir nichts anders, alsden schrecklichsten Tod vor Augen sahen, bis endlich, da sie eben wie-der über einen tiefen Graben setzen wollten, die Stränge dcS einenZugpferdes rissen. Zu unserm größten Glück! denn dadurch verlorensie die Macht über den Graben zu setzen, und kehrten auf die andereSeite um, wo uns Bauern zu Hülfe eilten, die sie auch glücklich er-häschten. Gestern sind uns zwey Pferde vor dem Wagen gefallen; beydem ersten hielten wir uns vier Stunden auf, und versuchten alles, umcS zu retten; allein cS war umsonst, wir mußten eS am Ende für denScharfrichter dcS nächsten Dorfes liegen lassen. Für Yorik wäre dieseine vortrcfliche Scene gewesen. Der Postillion war ein Original.So gut als dumm, beydes im äußersten Grade. O Gott, o Gott!war alles, was er vier Stunden lang sagte, wobey er beständig fort ar>bettete, um das Pferd auf die Beine zu bringen; cS war aber so kraft-los, daß, wenn er cS auch etwas in die Höhe hatte, es gleich wiederauf die Seite fiel, wobey er hundertmal in Gefahr war, sein Lebenzu verlieren. Ich schrie in einem weg: Kerl, seyd nicht rasend, dasThier ist hin, waS wollt ihr euch denn auch noch unglücklich machen?Ey, waS! gab er mir immer zur Antwort, da es mit meinem Pferdeso ist, so mag es mit mir werden, wie es nur immer will. Ich sagte,