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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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364
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Briefe an Lessmg. 1772.

er sollte fortfahren. Nein, wenn Sie mich auch prügelten, so geheich nicht von meinem Pferde, so lange ich noch Hoffnung habe; unddies hielt er auch ehrlich. Selbst, wie es schon krepirt war, mußtenwir ihm noch verstatten, daß er eS mit den andern Pferden auf einenAcker schlcpvte, aus dem nächsten Dorfe Stroh und Heu holte; dasStroh, um es damit zu decken, und das Heu, damit es, wenn es wie-der auflebte, etwas zu fressen fände. Der Kerl dauerte mich, denn erwar völlig abgemattet; und nun wollte vollends das Unglück, daß, alswir kaum eine Viertelstunde gefahren waren, ihm im Wasser das zweytePferd auch fiel. Dies hat er denn doch noch gerettet, weil zum GlückLeute in der Nahe waren, die ihm zu Hülfe kamen. Für uns aberward es schlimm. Wir waren zwar auSgcsticgcn; allein unser Wagenstand im Wasser, und diese Pferde konnten ihn nicht herausziehen.Wir mußten also drey Viertelstunden weit nach einem Dorfe gehen,durch einen solchen schrecklichen Weg, daß ich diese Stunde noch nichtbegreife, wie ich durchgekommen bin. Bey jedem Schritt, den ichthat, mußte ich die Beine mit Macht aus der Erde ziehen, und esregnete, daß ich keinen trocknen Faden auf dem Leibe behielt. Nunsagte ich zu meinem Schwager, wie wir wieder im Wagen saßen, fürheute werden wir doch wohl genug Fatalitäten überstanden haben?WillS Gott! war seine Antwort; aber das WillS Gott traf nicht ein,denn wir mußten noch durch drey Gewässer, die alle drey in den Wa-gen kamen. DaS letzte war so hoch, daß alles, was im hintern Chaise-kästen lag, naß wurde. Dieses zu trocknen, war heute meine Be-schäftigung.

So sind mir die Paar angenehmen Tage, die ich mit Ihnen zu-gebracht, wieder vergället worden. Doch nein, das Vergnügen, Siegesund gesehen zu haben, überwiegt alle daS Unglück, und noch mehr.Ich bin seitdem weit heiterer und munterer, selbst bey alle den Be-schwerden bin ich nicht einen Augenblick niedergeschlagen gewesen.Dieses schreibe ich Ihnen allein zu; denn bey meiner Abreise vonHamburg war mir nicht so zu Muthe, wie mir jetzt ist.

Ich will nur nicht hoffen, daß auch der Endzweck der Reise soübel ausfällt, wie bisher die Reise gewesen ist; sonst sähe eS schlechtaus. AlSdenn würde ich Ihnen bey der Retour wohl schwerlich vonRattelsdorf aus schreiben können: ich sey vergnügt. ES gehört schonso viel dazu, wenn einem auch nichts im Wege steht, hier vergnügtzu seyn; zumal wenn man so sehr nach Augsburg verlangt, wie ich.Dort hoffe ich doch gewiß einen Brief von Ihnen zu finden- Nichtwahr, Sie haben mir dahin geschrieben? Wenn Sie cS nicht gethan