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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lesfing. 1772.

hat. Freylich, wenn Du von den Druckfehlern, die darin stehen ge-blieben sind, auf meine Aufmerksamkeit schließest, so dürfte meineMeynung darüber wohl nicht des AnhörcnS werth seyn. Gestern Abendhabe ich noch ein paar recht unsinnige Fehler getroffen.

S- 83. redlichen Verurteilung, statt endlichen verurtheilung.

S- S6. Nur, guter Freund, muß cS ein kleines Verbrechen;statt daß es heißen sollte: muß es ein kleines stilles verbrechenseyn. Denn bleibt hier stilles weg, so ist der Nachsatz sehr unschicklich.

Aber eben diese Druckfehler sollen Beweise meiner Aufmerksam-keit seyn. Wahrhaftig! ein genauer Corrector muß nicht lesen, sondernbuchstabiern, Sylben und Worte zählen- Und das habe ich nicht thunkönnen, ob ich mich gleich mit dem Vorsatze eS zu thun hinsetzte, undmeine Neugierde schon längst gestillt war. Scheint Dir diese Ent-schuldigung meiner Faselcy etwas schief, so kann ich nicht» weiter thun,als daß ich Dir verspreche, bey einer neuen Auflage, die nicht langeausbleiben wird, alle Fehler zu verbessern. Aber so machen cS alleSünder: sie versprechen nicht mehr zu sündigen, und sündigen fort!

Du erinnerst Dich doch noch, daß mir die Emilia im Anfangenicht so vorzüglich gefallen. Du hast mir daher einige Deiner Gründeangeführt, von denen aber keiner Stich zu halten schien, als der letzte,da Du sagtest:Am Ende wird denn auch freylich der Charakter derEmilia interessanter, und sie selbst thätiger." Denn das ist nichtallein geschehen, sondern der Schluß hätte auch nicht s» werden kön-nen, wenn Du sie nicht vom Anfange so geschildert hättest. Höchstreligiös, die Tugend der Keuschheit für die höchste Tugend haltend istEmilia; und das letzte hat sie bloß durch ihre fast blinde Anhänglich-keit an die katholische Religion werden können. Meine Absicht istübrigens nicht sowohl gewesen, Dir als Dichter damit einen Vorwurfzu machen, sondern nur Deine Ursache zu wissen, warum D»/ alsDichter, ein Vorurtheil mit zu bestärken für gut befunden hättest.

Aber höre einmal, was mir mit Herrn MoseS darüber begegnetist. Ich fragte ihn, wie ihm Deine Tragödie gefallen habe.ImGanzen vortrefflich, sagte er; wir haben noch nichts so Vortreffliches:und vielleicht können Franzosen und Engländer nichts ausweisen, wojedes Wort so bcdächtlich, so ökonomisch angebracht ist; selbst die Aus-führung der Charakter findet man selten so. Welch ein allerliebstesMädchen ist nicht die Emilia!" Die Emilia? unterbrach ich ihn,und Du kannst Dir leicht vorstellen, mit was für Augen. Er fuhrfort:Bey den Worten: perlen bedeuten Thränen, habe ich vorThränen selbst nicht fortlcscn können. Das ganze Stück hat mich so