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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1772.

Das erwarten Sie nicht, und das werde ich auch nicht thun. Daßmir das Ganze überschwenglich gefallt/ können Sie voraus setzen.Die Anlegung des Plans und die Art, wie sich sowohl die Fabel alsbesonders die Charaktere entwickeln, hat meinen ganzen Beyfall. Wärees Ihrem Vorhaben gemäß gewesen, die Claudia und Orsina in demletzten Acte wieder vorzubringen, so würde eS vielleicht große Wirkunggethan haben; denn ich will Ihnen nicht verbergen, daß nach der vor-trefflichen Scene der Claudia mit dem Marinclli, das Stück im vier-ten und fünften Acte etwas an Feuer verliert. Orsina stutzt freylichden vierten Act auf; in dem fünften aber wünschte ich auch ein weib-liches Geschöpf außer der Emilia. Viele haben eS nicht begreifen kön-nen, und halten eS für unnatürlich, daß der Vater seine geliebte Toch-ter bloß auS Besorgnis; der Verführung erstechen könne. Dieseaber sehen die große Wahrheit nicht ein, die Emilia sagt, daß Gewaltnicht Gewalt, sondern daß Verführung, liebreizende Verführung, Ge-walt ist. Mein Freund, der Prediger Eberhard, sagt: die Emilia istein Rock auf den Zuwachs gemacht, in den das Publicum noch hineinwachsen muß. Dies gilt unter andern auch von der letzten Scene.Sollte ich aber etwas hierbev wünschen, so wäre eS, daß Sie von derVerführung etwas auf dem Theater hätten vorgehen lassen, daß Sieden Prinzen hätten in einer Scene pressant seyn lassen, und daß Emi-lia zwar nicht gewankt halte, aber doch in einige Verlegenheit gerathenwäre. Alsdann würde das Publicum die Bitte der Emilia um denDolch gerechter gefunden haben, als letzt, da eS die gefährlichen Gri-maldiS nicht vor Augen sieht, und den Prinzen noch lange nicht drin-gend genug findet.

Viele finden die psctische Gerechtigkeit nicht genug darin beobach-tet, daß Marinclli nicht bestraft wird. Hierauf antworte ich: Es istgenug, wenn Jedermann den Marinclli verabscheuet. Und ich leiheIhnen noch einen Grund: Ich sage, dies ist die lebhafteste Schilde-rung des Charakters schlechter Prinzen, und zugleich eine treffende Sa-tire auf dieselben. Wenn sie sich von ihren Günstlingen, die ihrenWollüsten stöhnen, Schritt für Schritt verführen lassen, die größtenGewaltthätigkeiten und Schandthaten durch Zulassung zu begehen: sobestrafen sie den Günstling mit einer Verweisung auf seine Güter, undnehmen einen andern. Denen die hiermit nicht zufrieden sind, sageich, daß ich eine komische Oper: Marincllis Erecution, unter derFeder habe, worin der Gerechtigkeit Genüge geschehen soll.

Nun auf die Charaktere! Marinclli ist ganz vortrefflich geschildert.Der große Condc fragte Corneille», woher er die Politik und Königs-