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Briefe an Lcsstng. 1772.
Sonst habe ich widcr diese Schwärmerin, die so viele herrliche Zügeder innern Leidenschaft hat, nichts, als daß sie uns, da wir nach demSchicksale der Emilia Galotti so begierig sind, etwas zu lange auf-halt/ und daß sie nicht wieder kommt. Ich hatte so gern eine Scene»wischen der Emilia und ihr, zwischen ihr und dem Prinzen gesehen.Wäre OdoardoS Character nicht noch mehr erhöhet worden, wenn Or-sina aus Rache vergebens versucht hätte, ihren Liebhaber zu erstechen,jener aber aus Tugend seine Tochter wirklich ersticht? — Doch genug,liebster Freund, von meinen flüchtigen Anmerkungen; ich wünschte, daßwir einmal mündlich davon uns unterhalten könnten. Haben Sie nunDank für daS vortreffliche Stück, mit dem Sie wieder unser Theaterbereichert haben. Ziehen Sie doch Ihre Hand nicht ab. ES ist, als
Gelehrsamkeit am unrcchlc» Orte; das weiß sie sehr wohl, hat sie sich auchda nie merke» lasse», daher ist auch Ldoardo dergleichen nicht a» ihr ge-wohnt gewesen. Sie ist »'«-»uns » i>ev>e»li<m i» aller Art; sie kennt ibreSchönheit, ihre Ecbnn, ihren Geist; sie ist gewohnt, daß sich alles vor ibrbeuge, gewohnt, das; jeder sie bewundere, daß sich der in sie verliebe, vondem sie will daß er sich in si? verlieben soll. Denn diese Orsina lichtnicht; sie will aber, das; sich der in sie verliebe, von dem sie will, daß erihr Liebhaber scvn soll. So hat sie, seitdem sie denken kann, jeden an ih-ren Wagen gespannt, von dem sie gezogen srvn will; sie hat die Liebhabernach Gefallen angenommen nnd abgewiesen. So sehr sie nun auch ihreMacht kennt, jeden zu fesseln, so merkt sie doch, daß sie den traurigenVierzig«:» nahe kommt. Aber nun ist sie auch im höchste» Triumphe,und in dem will sie bleiben. Der Fürst hängt an ihre» Augen, und sie re-giert ihn nach Gefallen. Plötzlich, ganz ohne daß sie es im geringsten gcab-nct, daß sie es nur für möglich gehalten hatte, verläßt sie der Fürst; undum wen? um ein junges einfältiges Mädchen! sie? die Orsina, die ihren eig-nen Werth so kennt? — Und nun sieht sie aus einmal, sie verliert ihrenletzten Liebhaber; und dieser ist ein Fürst. Es kommt kein Liebhaber wie-der, denn sie ist den Vierzigen nahe; und welchen Liebhaber könnte auch Or-sina haben wollen, die eine» Fürsten zu ihren Füße» sah, der sie verließ! —Verließ? — Dies bringt sie ganz außer Fassung, mackt sie halb wahnsinnig.In diesem Wahnsinne vergißt diese Fran von feiner Weltlebcnsart, daß essich für eine Dame nicht schickt, gelehrte Dinge einzumischen, und stößt imWahnsinne, da sie sich ganz selbst vergißt, diese Gelehrsamkeit aus. DieSchauspielerinn muß daher diese abgebrochenen gelehrten Stellen, mit gestör-tem Gesichte, in der Abwesenheit des Geistes, im Hinbrütc» sprechen; sowerden sie schrecklich. Darin haben noch alle Schauspieleri»nc » gefehlt, dieich in dieser Rolle sah, und daher lauteten diese gelehrten Stellen (deren ohne-dies vielleicht zu viel sind) so verkehrt. Lcssings Schuld ist es nicht.
Ich weiß einen Fall, daß eine Dame von vielem Verstände, und die