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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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383
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Briefe an Lessing . 1772.

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wenn sich in Spieler und Zuschauer ein neues Leben ergösse, wenn einneues Stück von Ihnen auf die Bühne kommt.

Nun noch ein Wort von der gestrigen Vorstellung. Ich muß Ih-nen sagen, daß die Aufführung über mein Erwarten ausgefallen ist;denn ich zitterte, (dies unter unS) daß cS diese Truppe ganz verder-ben möchte. Ich befürchtete, daß die Spieler, zumal in der Eil, inder sie die Rollen haben lernen müssen, noch weit weniger von ihrenRollen verstehen würden, als sie wirklich verstanden haben. Zuerst,versichere ich Sie, daß die Starkin die Claudia meisterhaft spielte;ich wüßte nicht, wie man den dritten Act besser spielen sollte, als siegethan hat. DicZ ist nicht allein mein Urtheil, sondern auch das Ur-theil aller derer, auf deren Urtheil (in Berlin ) Sie einiges Gewicht

ihre Lebenszeit an Höfen zugebracht balte, eine leichte Unpäßlichkeit fühlte,und ihren Arzt, den berühmten Zimmcrmann, rufen ließ. Als er kam, fander sie zwar trank, merkte aber noch keine Symptomen, daß die Krankheitgefährlich werde» könnte. Indem er mit ihr verschiedenes sprach, fing sie anihm lateinisch zu antworten. Der Arzt erschrak. Er hatte die Damelänger gekannt, und nie hatte sie im geringsten merken lasse», daß sie so ge-lehrt wäre, lateinisch sprechen zn können. Er sah gleich, dies müsse Abwe-senheit des Verstandes scv», mid es liege daher eine gefährliche Krankheitdahinter. Darnach nahm er seine Maßregeln, und es zeigte sich auch in kur-zem das bösartigste Fieber. Die Selbstocrgcssenheit, die brv dieser Dawedurch eine körperliche Krankheit bewirkt wurde, ward bey Orsina durch eineGcmüthskrankhcit bewirkt. Das ist der Sinn.

Ueber eine andere Anmerkung, die ich Lcssingcn damals mittheilte, wäreer beynahe böse geworden; aber in Ernst böse werden konnte er nicht. Ma-dame Starkinn diese große Schauspielerinn, der in Deutschland noch beyweitem keine gleich gekommen ist, die nur durch die zu früh verstorbene Iac-quct in Wie» hätte ersetzt werden könne», wenn diese zu ihrem ausbündigenTalente noch Erfahrung erlebt, und eine Slarkinn gesehen hätte hatte mireinmal gesagt:die Rolle der Emilia könne nie gespielt werden, so wie,,sic gespielt werden sollte; denn sie ersordcre ein ganz junges Mädchen, diedoch die vollkonniirilstc Schauspielerinn seyn müßte, um dieser Rolle Genügezu thun." Diese Bemerkung theilte ich Lessingcn mit, und setzte hinzu: Esmöchte diese große Schauspielerin» wohl Recht habe». Lcssiiig rief aus:Hol' der T die Frau mit ihrer Bemerkung! die Rolle der Emilia erfor-dert gar keine Kunst. Naiv und »alurlich spielen kann ein junges Mäd-chcu ohne alle Anweisung Doch halt!" setzte er hinzu:die Starkinnmag doch Recht habe»! die jmige» Aktricen wollen immer erst agiren, bi«sie endlich natürlich sprechen und spielen lernen; und mit den Akteursist es noch viel ärger: von denen bleiben die meisten Zeitlebens Mädchenvon sunfzchn Jahren." Nicolai.