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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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403
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Briefe an Lessing . 1772.

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May. Mehrere werden Sie mir, ans Ihren eignen Briefen zu ur-theilen, nicht geschrieben haben. Sie werden cS selbst ein bischen we-nig finden. Indeß könnte ich Ihnen jetzt, da ich eben erst einen er-halten, keinen Vorwurf darüber machen. Sie würden mich aber gan;außerordentlich verbinden, wenn Sie daS Versäumte in Zukunft wiedereinholen wollten. Und Sie würden cS gewiß thun, wenn Sie sich nurhalb die Freude vorstellen könnten, die jeder Brief von Ihnen bey mirerregt. Ihr gewesener Bediente hatte eine wirkliche Sünde begangen,und mehr als Schläge verdient, wenn er auch nur Einen unterschla-gen hätte: denn wenn ich nur gute Nachrichten von Ihnen habe, soüberwinde ick alle übrige Sorgen; so wie im Gegentheil, wenn siemir fehlen, mich eine Zentnerlast drückt, und nichts vermögend ist,mich aufzumuntern.

Sie halten vielleicht daS, was ich hier sage, für übertrieben; aberGott ist mein Zeuge, daß es wahr ist! Und bleibe ich hier, wozu manmir vielleicht annehmliche Vorschläge machen wird, so sage ich Ihnenzum voraus, ich thue cS in der festen Hoffnung, einst in Ihrer Gesell-schaft hier zu leben; weil ich befürchte, daß, wenn ich mich aus demGewerbe völlig herauszöge, ich diesem Glück auf immer entsagen müßte.

Die Vorschläge, wovon ich rede, sind folgende. Nehmlich manhat mich sondirct: ob ich die Fabrik nicht fortsetzen würde, wenn manmir erst von meinem Lager abhälfe, und der Hof mir alSdcnn ein Ka-pital auf gewisse Jahre ohne Interesse gäbe? Diese beyden Punkte wa-ren nun sehr annehmlich; cS war aber noch ein dritter damit verknüpft,wo ich gleich sagte: wenn der damit verbunden seyn müsse, so könn-ten die Vorschläge noch einmal so gut sevn; ich würde sie auSschlagcn.Könnte der aber wegfallen, so würde ich über die Sache denken, wennsie mir angetragen würde. Ich muß nun abwarten, was weiter er-folgt. So viel bin ich gewiß: ich bekomme Hülfe auf eine oder dieandre Art, die Fabrik mag in meinen Händen bleiben, oder nicht blei-ben. Ich habe zu viele, und darunter wichtige Stützen. Es ist nurzu wünschen, daß meine Gläubiger nicht die Geduld verlieren; dennlangsam wird es zugehen, und das kann ich nicht ändern. Der Hoffühlt die Last nicht, die mich drückt, ich mag sie noch so dringend vor-stellen; und übereilen läßt er sich auch nicht.

Dem StaatSrath G** habe ich neulich in meinen Angelegenhei-ten eine Visite gemacht- Es ward von Ihnen kein Wort geredet, bisich wegging. Da fragte er: ob ich nicht Gelegenheit hätte, ein klei-nes Päktchen an Sie eingehend zu machen. Ich sagte Ja, und sowird er cS mir in einigen Tagen zuschicken. Vermuthlich sind cS zwey

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