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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lcsstng. 1772.

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dem ungeachtet in Kurzem wieder hier seyn, wenn er sich nicht inPotsdam einige Zeit aufhalten muß.

Mit ehestem mehr! Nur bitte ich Dich nochmals/ und zwar ineinem Latinismus: Sorge, daß Du Dich wohl und gesund befindest,

Karl,

Wien/ d. 18. Nov-mb. 1772.

Mein lieber Freund!

Sie habe» wohl Ursache sich selbst zu wundern/ daß Sie michunter denen Umständen, worinn ich mich jeyo befinde/ vier Monatelang haben vergessen können. Denn gestehen Sie es nur! Sie habenmich entweder würklich vergessen, oder haben wenigstens versucht, michzu vergessen. Aus Ihrem eigenen Brief schließe ich das. Sie sind,sagen Sie, schlimmer als krank gewesen? mißvergnügt, ärgerlich, wild;wieder sich und wieder die ganze Welt aufgebracht; mich allein ausge-nommen. Alles will ich Ihnen glauben, nur nicht das Letztere. Wäredieß! wie wäre cS möglich, daß in der langen Zwischenzeit, auch nichteinmal ein Fuuken von Mitleid Sie angefacht hätte, mir einige Nach-richt von sich zu geben. Wenn Sie mein trauriges Naturel nichtkennten, so wären Sie noch zu entschuldigen. So wissen Sie aber,daß ich mir immer das Schlimmste vorstelle. Ich habe Sie mir nichtweniger als auf den Tod krank, oder gar tob gedacht; und wie mirbei dieser Vorstellung zu Muthe gewesen, habe ich besser empfunden,als ich es beschreiben kann. Dem ungeachtet verzeihe ich Ihnen vonganzen Herzen; allein bis zur Abbitte komme ich nicht, bis Sie michbesser überführen, daß Sie berechtiget sind, sie zu fordern.

Wäre Ihr Brief zu rechter Zeit angekommen, wie er dem Datumnach halte komme» sollen, so hätte ich ihn vor der Abreise meinesSchwagers erhalten, was mir sehr lieb gewesen wäre, weil ich michalsdcnn nicht so gegen ihn verrathen hätte, wie ich in der letztenStunde seines Hierseyns gethan habe. Nachdem ich ihn: alle möglicheAufträge gemacht hatte, so fragte er mich: was er denn an Sie sagensollte? Die Frage überraschte mich. Mein Herz war ohnedem schonbeklommen, denn die ganze Nacht hatte ich schlaflos zugebracht, undmich mit den Gedanken gequälet, daß er nun bald Sie und mcjneKinder sehen würde, da ich hingegen in der traurigen Lage allein zu-rückbleiben müsse, ohne zu wissen, ob ich auch noch einmal das Glückzu gcnicsse» hätte. Ich komttc ihm daher nicht antworten, bis einStrom von Thränen dem Herzen Luft gemacht hatte. Denn so sagteLessmgS Mette xm, 27