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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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419
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Briefe a» Lessing . 1772.

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hen. Wohl/ wenn der Kaiser allein regierte, dann wollte ich garan-tieren, daß Sie hier blieben. So lange aber die Kaiserinn lebt, ist esvielen Schwierigkeiten unterworfen/ bis ein Protestant angenommenwird. Für R- hat G" und sein Anhang alles angewandt; dieKaiserinn Ist aber so gegen ihn eingenommen, daß Sie durchaus sichnicht hat bewegen lassen; und man sagt noch dazu für zuverlässig,er habe umsatteln wollen. Mein Schwager wird Ihnen schon erzäh-let haben, daß R. tausend Dukaten für die Reise kriegt. Er kann da-mit zufrieden seyn, der elende Mensch!

Ich hatte waS drum gegeben, wenn man an Sch. auch die Reiseso hätte bezahlen wollen. Den hätte ich recht was ausgefragt. Wenner in der Angstvollen Zeit gesagt hätte: ich habe Lessing gesund gese-hen; ich glaube, ich wäre ihm um den Hals gefallen. Aber nach einerkleinen Pause Nein! ich hätte ihn nichts weiter gefragt.

Sie gestehen ja so schon von selbsten, daß Sie alle Tage schlimmerwerden; das glaube ich, denn davon habe ich Leider! die Probe; aberdümmer, das glaube ich nicht. Die Einsamkeit macht eine ganz ent-gegengesetzte Wirkung auf mich ich werde alle Tage besser. Siewerden daher nicht die nemlichc an mir finden. Welch eine Frage!Sie hat mich nicht wenig beleidiget. Jedoch ich will über dieseFrage sowohl, als wie über noch einige Stellen auS Ihrem Briefnicht weiter denken. Nur die Stelle, worinn Sie versprechen, kom-men zu wollen, will ich recht oft überlesen. Sie hat einen solchenEindruck auf mich gemacht, daß Personen, die mich für einigen Ta-gen gesehen, und eben wieder besucht haben, so eine Veränderung anmir gespüret, daß sie in mich drungen, um die Ursache zu wissen.Geben Sie meinen Freunde» bald wieder Gelegenheit zu einer solchenNeugierde. Nicht wahr? Sie lassen mich nun nicht wieder so langein Verlegenheit, sondern ersehen vielmehr durch öfteres Schreiben dieVielen Sorgen und Kummer, so Sie mir verursacht.

Selbst war ich seit acht Tagen nicht in der Stadt. Ich habeaber den Brief G- gleich zugeschickt. Ich kenne ihn nicht genug, umihn beurtheilen zu können. S** hält ihn für falsch.

Die Henselinn ist schon vor einiger Zeit von hier gerciset. WennSie die einmal sprechen sollten, so würden Sie eine artige Schilde-rung von den Wienern bekommen. Man hat ihr aber auch so unbil-lig begegnet, daß es ihr nicht übel zu nehmen ist, wenn sie ein weniglosziehet. Keine einzige interessante Rolle hat man sie spielen lassen,und so wie sie erzählet, hat ihr S. und andere mehr, in die Augen ge-sagt: sie könne wohl in der Provinz gefallen, aber in der Hauptstadt

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