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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1772.

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den am Fuß hat sich wieder aufgeworfen, und ich weiß nicht, unterwelchen Händen er ist, und ob sie wohl gar in Heidelberg einen ge-schickten Chirurguni haben? Ohne mich hierüber zu beruhigen, hatman mir, doch in ganz besorglichen Ausdrücken, diese Nachricht vonFrankfurt ertheilt. Gott gebe mir bald eine bessere!

Wo meine andern Kinder hinkommen werden, wenn die Haushaltungnun aufgehoben wird? weiß ich auch noch nicht. Der Professor bestehtdarauf, ich soll sie nicht hierher nehmen; sondern in der Pfalz in dieKost geben. Sobald ich aber dieß thun müßte/ so wünschte ich lieberheut als morgen aus der Welt zu seyn. Ich weiß, was mich dieTrennung jetzt schon kostet, vielmehr, wenn ich mich 'auf immer vonihnen trennen sollte.

Eben werde ich durch einen Besuch von einem Herrn aus Prag unterbrochen, von dem ich gehört, daß der Postwagen sich in Prag fünf Tage aufhalt. So käme also dieser Brief noch vor meinemSchwager zu Ihnen. Dann machen Sie ihm viele Komplimente;sagen Sie ihm aber nichts weiter, als was er zu wissen nöthig hat.Ucbcrhaupt wollte ich Sie bitten, diesen Brief zu zerreißen, wegen des-sen/ was von Sch- darinnen steht.

Nun, mein Lieber, leben Sie wohl/ und arbeiten Sie recht flei-ßig, damit ich Sie so bald als möglich hier sehe. Ich werde eSmit dem lebhaftesten Dank erkennen, und Zeitlebens seyn

ganz die IhrigeE. C. K.

Von Madame König.

Wie»/ den 5. Dcc. 1772.

Liebster, bester Freund!

Nun ist mein Schwager schon so glücklich gewesen/ Sie zu se-hen/ und das recht gesund und vergnügt, oder alle meine Wünschemüssen vergebens seyn. Tausend und tausendmal habe ich mich anseine Stelle- gewünscht. Er wird Ihnen nicht viel Angenehmes vonWien erzählt haben; denn cS hat ihm hier höchst mißfallen. Nicht,daß er nicht ausgegangen wäre; er ist alle Tage auSgewcscN/ allein Siewissen schon/ er muß eine Verplemperung habe»/ und ich weiß nicht/woran gelegen/ daß ihm diese gefehlt. Mir hat er beym Abschied-nehmen einen rechten Possen gespielt/ indem er alle Bekannten ersucht,mich fleißig zu besuchen, und sie haben ihm zu meinem Vcrdrusse sotreulich willfahrt, daß ich, seit seiner Abreise, nichts als Besuche an-