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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1772,

zunehmen und Jnvitationen auSzuschlagcn habe. Ich hoffe, das nuneingefallene üble Wetter wird mir diese Last wieder vom Halse schaf-fen. Denn ich bin nun zu nichts weniger, als zu Gesellschaften aufge-legt. Ich bin andern zur Last/ und mir selbst. Wenn ich mir ja nocheinige ruhige Stunden machen kann, so sind es die, wenn ich für michallein bin. Was mir am beschwerlichsten fällt, ist die Schwachheitmeiner Augen, die ich diesen Winter zum Erstenmal empfinde. Ichkann bey Licht nicht lange weder schreiben noch lesen, und muß michdaher mit Stricken unterhalten; eine Arbeit, wobey sich gut Grillenmachen lassen. Um den verdrießlichen Grillen auszuweichen, habe ichein Paar seidene Strümpfe für Sie angefangen. Lachen Sie michaber ja nicht aus! ich will es Ihnen nicht rathen. Die Strümpfe ko-sten mich mehr, als Sie glauben j eine Menge Lügen! Denn wer michdaran stricken sieht, will wissen, für wen sie sind.

Die Briefe, so kürzlich im Druck erschienen, an Rloyen vonunterschiedenen Personen geschrieben, haben Sie vermuthlich schon ge-lesen, und können also urtheilen, ob sie verdienen, so viel Lärm zumachen, als sie würklich hier thun. Doch nur die Sonncnfelsischcn, dennvon den andern Briefen ist wohl schwerlich noch einer gelesen worden,weil nur zwey Exemplare hier sind, davon eines die Kaiserinn hat, undum das andre ein solches Geschicke ist, daß es keiner länger behaltenkann, als bis er eben die Sonnenfelsischen Briefe gelesen hat. Ichwill hoffen, daß nicht alleS darinnen steht, wie man es erzählt, sonstkonnte die Sache für S- ernsthaft werden. Ich war gestern in derStadt, habe aber nicht hingehen mögen, um nicht das traurige Gesichtvon der Frau zu sehen. Hören Sie nur! auf welche Art S- dieBriefe erhalten hat. Die Tnitschcrinn ist in dem einen seiner Briefesehr herunter gemacht. Wie also ihr Freund G *' das liest, so läßter sie gleich rufen, und sie muß hingehen und S. zu Rede stellen, nurals ob sie eS gehört hätte, ohne des BuchS zu erwähnen. Er läugnctealles, und sie, die gute S., setzt sich mit ihr aufs Kanapee, und sagtihr: sie sollte von ihrem Manne so waS nicht glauben; sie selbst würdeihn verabscheuen, wenn er fähig wäre, was Uebels von ihr zu schrei-ben. Die T> machte die Aktrice, und stellt sich, als wäre sie besänf-tigt; so wie sie aber zu Hause kömmt, schickt sie S- die Briefe, alsein neu herauSgckommeneS Buch, zum Durchlescn. WaS er hierauf füreinen Schritt gethan hat, weiß ich noch nicht. Den jüngern St.soll er auch sehr schlecht geschildert haben. Der sagt: eS würde ihmnicht verdrießen, wenn er nicht in der Zeit so gut Freund mit ihm ge-wesen wäre.